Standortfaktor ökonomische Schulbildung
Bildungspolitik ist Standortpolitik. Die bisherigen Ergebnisse der OECD-Schulvergleichsstudie PISA haben deutlich gemacht, wie schlecht es in vielerlei Hinsicht um die Qualität der schulischen Bildung in Deutschland bestellt ist. Gut ist aber, dass jetzt wieder mehr über Allgemeinbildung diskutiert wird – und über das, was ihr Kernbestand sein soll. Wir sind der Überzeugung: Ökonomische Bildung muss dazu gehören! Unseren Schülern begegnen täglich Wirtschaftsthemen. Da ist die Rede von Globalisierung, von Konvergenzkriterien, Shareholder Values und vom DAX. Doch nur wenige Jugendliche können die Begriffe richtig interpretieren; noch weniger Schüler können sie in sinnvolle Zusammenhänge einordnen. Solche Wissensdefizite machen betroffen, vor allem, wenn man sie an dem Anspruch misst, dass sich die Jugendlichen später als mündige Wirtschaftsbürger im Lebensalltag bewähren sollen. Überhaupt scheint ökonomisches Grundwissen in unserer Gesellschaft Mangelware zu sein. Wollte man die angehenden Quiz-Millionäre in Günther Jauchs Fernsehratespiel mehr mit Wirtschaftsfragen konfrontieren, würden dort mit Sicherheit weniger Euro umgesetzt. Die soziale Marktwirtschaft braucht informierte Bürger, die Grundlagen dafür müssen in der Schule gelegt werden.
Mehr Wirtschaft in die Schule!
Der Vorwurf, dass Schule nicht aufs Leben vorbereite, vor allem nicht aufs Wirtschaftsleben, steht deshalb seit langem im Raum. Umfragen zufolge wünschen sich mehr als 80 Prozent der Deutschen, dass Wirtschaftsthemen im Unterricht eine größere Rolle spielen. Zwei Drittel der Schüler wollen besser aufs Arbeitsleben vorbereitet werden. Niemand zweifelt mehr daran, dass Wirtschaftswissen zur Allgemeinbildung gehört. Aber was geschieht? Wirtschaftsverbände und Unternehmen forderten daher immer wieder die Kultusminister auf, den Anteil an Wirtschaftsunterricht in allen Schulformen auszubauen. Gewerkschaften und Arbeitgeber verlangten im Sommer 2000 in einer gemeinsamen Initiative nach einem Schulfach Wirtschaft. Und schon im Jahr zuvor hatte das Deutsche Aktieninstitut mit seinem "Memorandum zur ökonomischen Bildung" die aktuelle Debatte auf ein exzellentes Fundament gestellt. Zahlreiche von Wirtschaftsverbänden und Betrieben unterstützte Projekte entstanden in den vergangenen Jahren, um praxisnah Schüler an ökonomische Themen heranzuführen: Regionale und lokale Arbeitskreise zwischen Schule und Wirtschaft entwickelten Betriebspraktika für Schüler und Lehrer, kleine und große Kreditinstitute boten Börsenspiele an und in bundesweiten Projekten wie zum Beispiel "Junior" (Institut der deutschen Wirtschaft) und "TransJob" (Stiftung der Deutschen Wirtschaft) lernten Schüler, eigene Firmen zu gründen. Aber ökonomische Bildung muss im Unterricht zentral verankert werden. Sie braucht einen festen Platz im Stundenplan, eigene Lehrpläne und vor allem Lehrer, die dafür ausgebildet sind.
Ökonomische Bildung ist Allgemeinbildung
Die Kultusminister der sechzehn Bundesländer haben sich schon lange auf den Satz geeinigt: "Ökonomische Bildung ist unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung und gehört somit zum Bildungsauftrag der allgemein bildenden Schulen". Eine klare Aussage immerhin, auf deren Grundlage vieles geschehen könnte. Mit ihrem im Oktober 2001 veröffentlichten Bericht zur wirtschaftlichen Bildung an allgemein bildenden Schulen haben die Kultusminister jetzt die Chance, aus Sonntagsreden schulpraktische Realität werden zu lassen. Die Wirtschaft bietet sich als Partner an, damit es gelingt, nicht nur kleine und große Projekte in einzelnen Bundesländern zu verwirklichen, sondern bundesweit ökonomische Bildung in den Lehrplänen fest zu verankern. Ziel sollte es sein, nicht nur wirtschaftskundliche Inhalte curricular zu etablieren, sondern auch Perspektiven für eine neue Qualität des Lernens zu eröffnen. Durch die konsequente Verknüpfung von Theorie und Praxis, zum Beispiel durch die Einbeziehung außerschulischer Lernorte wie Betriebe und Unternehmen, können den Schülern nicht nur Sachwissen, sondern auch fächerübergreifende Qualifikationen vermittelt werden.
Industrie- und Handelskammern als Partner
Die Industrie- und Handelskammern in Deutschland sind für Schulpolitik und schulische Praxis gleichermaßen wichtige Partner. Kaum eine IHK, die nicht Initiativen und Projekte angestoßen hat, Schülern und Lehrern die Realität des Wirtschafts- und Arbeitslebens zu vermitteln – und nicht wenige IHKs, die in Zusammenarbeit mit den Kultusministerien Modelle der Vermittlung ökonomischen Grundlagenwissens umsetzen.
Entscheidend: Die Lehrerausbildung
Das Ziel, ökonomische Bildung im allgemein bildenden Schulsystem stärker zu verankern, ist jedoch in großem Maße davon abhängig, inwieweit es gelingt, Lehrer für diesen Bereich zu qualifizieren. In der Regel gibt es keine für das Fach Wirtschaft ausgebildeten Lehrkräfte, sondern Lehrer mit Teilqualifikationen, die im Zusammenhang mit dem Studium anderer Fächer wie zum Beispiel Sozialkunde oder Politik erworben wurden. Darüber hinaus ist die ökonomische Bildung in vielen Bundesländern der Bereich mit den höchsten Anteilen gänzlich fachfremd ausgebildeter Lehrer. So geht es nicht. Ob nun als eigenes Fach oder als fächerübergreifendes Angebot: Mehr Wirtschaft in die Schule heißt deshalb, mehr Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte. Und vor allem: es müssen grundständige Lehramtsstudien für das Fach Wirtschaft in der Sekundarstufe I und II entwickelt werden. Die Kultusminister scheinen sich hier zu bewegen, aber der Druck muss bleiben.
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