
In den letzten Wochen ist die Bronzegießerei von Lothar Rieke zum Pilgerort geworden. Um nicht ewig die gleichen Fragen beantworten zu müssen, hat der Ziseleur und Gießer aus Worpswede für die vielen „Zaungäste“ eigens eine kleine Info-Tafel aufgestellt. Von dort fällt der staunende Blick auf zwei gewaltige bronzene Figurengruppen, die in seinem Hof auf ihren Abtransport nach Hamburg warten. Am 4. Juni werden die jeweils über vier Tonnen schweren, bis zu drei Meter hohen, 1,20 Meter tiefen und rund vier Meter breiten Kunst-Plastiken mit einem Spezialkran auf das Dach der Handelskammer gesetzt. Sie werden die verwaisten Plätze ausfüllen, die bis in die fünfziger Jahre Figurengruppen des Berliner Bildhauers August Karl Kiss beherbergt hatten. Hundertzehn Jahre zuvor für die Neue Börse am Adolphsplatz geschaffen, waren die Plastiken aus Zinkguss nach schweren Beschädigungen durch alliierte Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg schließlich aus Sicherheitsgründen demontiert worden. Er habe nicht klassizistisch, sondern realistisch gearbeitet, sagt der Bildhauer Prof. Waldemar Otto über seine Schöpfungen. Der international renommierte Künstler, von dem auch das Heine-Denkmal auf dem Rathausmarkt stammt, hatte den Wettbewerb für die Schaffung neuer Figurengruppen gewonnen und vor zwei Jahren in seinem Worpsweder Atelier mit der Arbeit begonnen. Sein kleines Problem: Die ursprünglichen Objekte waren nur unzureichend dokumentiert. Seine Lösung: Otto wählte zeitgemäße Formen „ohne veraltete, unverständliche Attribute und historischen Klimbim“, lehnte sich inhaltlich aber an die teilweise der griechischen Mythologie entsprungenen Vorbilder an. Die fünfköpfige Gruppe, die auf dem östlichen Risalit des Hauptportals über den Adolphsplatz blicken wird, betitelt der Bildhauer mit „Hammonia versöhnt Theorie und Praxis in Wissenschaft und Technik“. Die Schutzpatronin Hamburgs verbindet mit einer Geste der Umarmung die Figur des „Theoretikers“ mit einer Gruppe von „Praktikern“ (Figur mit Peilstange, zwei Schweißer mit Helm und Maske). Diese Versöhnung, so erklärt Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Prof. Hans-Jörg Schmidt-Trenz den Bezug zur Ökonomie, stünde gleichnishaft für die Errungenschaften der modernen Marktwirtschaft. Schmidt-Trenz weiter: „Die praktische Handelsordnung der schaffenden Menschen beruht auf einer Rechtsordnung, die auf freiheitlichen und abstrakten Regeln fußt.“
Im Zentrum der Gruppe auf dem westlichen Seitentrakt wird Diana stehen, die als Jagdgöttin den Wettbewerb und den Konkurrenzkampf in der Wirtschaft verkörpert. Als Symbol der Fruchtbarkeit bringt sie zum Ausdruck, dass die Wirtschaft alle anderen Gesellschaftsbereiche wie Kunst, Kultur und Wissenschaft an ihrem Busen nährt. Dazu Schmidt-Trenz: „Das Gedeihen dieser gesellschaftlichen Bereiche beruht auf dem Mehrwert, der durch die Wirtschaft geschaffen wird.“ Die üppige Figur des Reichtums versammelt die Repräsentanten von Kunst, Kultur und Wissenschaften um sich, was der Bildhauer Otto durch die Eule und die Theatermasken zu ihren Füßen symbolisiert hat.
Nicht zuletzt durch das große Engagement von Vizepräses Nikolaus W. Schües konnten die neuen Kunstwerke in bewährter hanseatischer Tradition ausschließlich durch Sponsorengelder finanziert werden (Liste der Sponsoren siehe unten). „Wir freuen uns, dass wir den mit Kunst nicht gerade gesegneten öffentlichen Raum in Hamburg auf diese Weise bereichern können“, sagt Handelskammer-Präses Dr. Karl-Joachim Dreyer. Ein Figurenensemble dieser Dimension, blickt Dreyer zurück, habe es in der Hansestadt wohl seit der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals im Jahr 1903 nicht mehr gegeben.
23. Mai bis 4. Juni
Ausstellung über die Attika-Figuren im Mittleren Börsensaal
der Handelskammer
4. Juni, 11 Uhr
Enthüllung der Figurengruppen, Budenzauber, Probegießen und
Gießen von Gedenkplaketten auf dem Adolphsplatz
4. Juni, 14 Uhr
Figuren werden mit einem Spezialkran auf das Dach gehievt