
Der Nutzfahrzeuganhängerbau ist 2200 Jahre alt. Seither hat sich nichts wesentliches verändert.“ Wenn Hans Juergen Lange über die Transportbranche spricht, greift er gerne zu etwas provokativeren Bildern. Um dann die Idee zu erklären, mit der er und seine Geschäftspartnerin, die Ingenieurin Ria Kaiser, so etwas wie die Mondlandung im Truckbereich schaffen wollen.
Lange und Kaiser sind gleichberechtigte Gesellschafter des jungen Wilhelmsburger Unternehmens The Team Technology GmbH (TTT). Ihre Idee in Kurzform: Die Lastzüge der Zukunft sollen wesentlich leichter und sparsamer werden als heute, und zwar durch den Einsatz eines Materials, das heute vor allem in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Formel 1 verwendet wird. Weltraummaterial im Müllkipper? Das ist – zumindest derzeit – fast so unvernünftig, wie es klingt. Denn der Stoff, aus dem Langes Lkw-Träume sind, heißt Kohlefaser, und ein Pfund davon kostet derzeit etwa 34 Euro. Viel zu teuer also für den Nutzfahrzeugbau. Doch der Preis könnte bald aus zwei Gründen fallen. Erstens stellt der Nutzfahrzeugbau nicht die gleichen, extrem hohen Qualitätsansprüche wie Luft- und Raumfahrt oder die Formel1. Zweitens werden Kohlefasern zunehmend auch in profaneren Gebilden verbaut. Hier hat vor allem der Windkraftboom die Nachfrage angeheizt. Wenn Kohlefasern aber in einfacherer Qualität und in großen Mengen abgesetzt werden, ist ein Pfundpreis von sieben Euro realistisch. Damit öffnen sich nicht nur für den Schwerlastbereich neue Galaxien. „Im schlechtesten Fall“, ist Lange überzeugt, „wird der zukünftige Preis von Kohlefaser rund 15 Prozent über dem von Aluminium liegen.“ Gleichzeitig, rechnet er vor, birgt die neue Bauweise ein gewaltiges Einsparpotenzial: Im Durchschnitt lädt ein Kipper 25 Tonnen. Selbst nach sehr vorsichtigen Schätzungen bewältigt er zwei Millionen Tonnen Frachtgut im Jahr, muss also 80000 Touren fahren. Wenn der Lastzug nun um nur zwei Tonnen leichter wird, kann er auch zwei Tonnen mehr laden. Das spart 6000 Touren.
Dass der Preis für Kohlefaser sinken wird, davon gehen auch große Produzenten wie die US-Firma Zoltek aus. Sie prognostizierte bereits vor fünf Jahren langfristig einen Pfundpreis von etwa fünf Euro. Auch Klaus Drechsler, Faserspezialist am Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart, hält das für möglich. Ein weiterer Grund für diesen Optimismus: Carbonfasern lassen sich prinzipiell sogar aus organischem Müll erzeugen. Während die Experten aber noch darüber spekulieren, wann mit dem großen Preisverfall zu rechnen ist, machen Hans Juergen Lange und Ria Kaiser bereits Nägel mit Köpfen.
Drei Jahre Arbeit und 1,5 Millionen Euro Entwicklungskosten stecken in ihrer Machbarkeitsstudie „CFK“, einem Kunststoff-Muldenkipper. Der Anhänger, der bereits 50000 Testkilometer auf dem Buckel hat, weist alle wesentlichen Eigenschaften auf, die nach den Plänen von TTT die Trucks der Zukunft haben sollen. Der Rahmen wird im Monocoque-Verfahren, also in einem Stück, als Kohlefaserbauteil gefertigt, mit Verstärkungselementen dort, wo sie gebraucht werden. Die Vorteile der Carbonfaser: Hohe Zugfestigkeit, niedriges Gewicht, leichte Verarbeitung. Zu dem neuen Material kommt eine neuartige modulare und standardisierte Bauweise.
Leider haben die Ergebnisse von 50000 gefahrenen Kilometern bislang nur die Konkurrenz überzeugt, nicht aber die Banken. Während der „Kohlelaster“ für die Fachbesucher der IAA Nutzfahrzeug-Messe im letzten Jahr eines der Highlights war, stellt Ria Kaiser nüchtern fest: „Als wir uns vor einem Jahr mit unseren Plänen an die Förderung wendeten, hat man über unseren ‚Plastiklaster’ nur gelacht. Man wird nur abgeschmettert, egal wo man hinkommt. Es ist frustrierend“. Das Dilemma: Der Muldenkipper wird bereits als Prototyp angesehen. „Wir wollten damit aber erst einmal nur beweisen, dass es funktioniert“, sagt die Ingenieurin. Inzwischen sind die Verhandlungen zwar etwas weiter, aber immer noch weit entfernt von einem erfolgreichen Abschluss. Rund 400000 Euro Schulden hat das Unternehmen mittlerweile. Dennoch stehen die Sterne günstig für die Wilhelmsburger und ihren „Plastiklaster“: Eine Allianz aus Unternehmen der Kunststoffbranche, Speditionen, Fahrzeugbauern und Zulieferern formiert sich allmählich hinter ihnen. Den rettenden Zuschlag aber erwarten die beiden „Lkw-Innovateure“ nicht mehr unbedingt aus ihrem Heimatland. „Wir kämpfen ums Überleben,“ sagt Kaiser. „Wenn uns die Engländer ein Angebot machen, dann sind wir selbstverständlich dabei.“
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