
Einfach auf den Knopf drücken und den Film in die andere Richtung laufen lassen: Das ist es, was Michael Gutknecht, Geschäftsführer der Gossler Envitec GmbH, mit Kunststoffen machen will. Zurück zu dem Produkt, aus dem Joghurtbecher, Plastikflaschen und Folien einmal hergestellt wurden: Rohöl. Aus dem sich dann Kraftstoffe wie Diesel, Benzin oder Heizöl gewinnen lassen.
Die Quelle für diesen Kraftstoff sprudelt immer reichlicher: Jeder Bundesbürger produziert jährlich sieben Prozent mehr Kunststoffabfälle. Derzeit liegt der Pro-Kopf-Wert bei etwa 24 Kilogramm Kunststoffabfall, von der Shampooflasche über die Lebensmittelverpackung bis hin zum ausgemusterten Elektrogerät.
Diese Plastikmengen zu verbrennen, ist „die denkbar schlechteste Alternative“, erklärt Michael Gutknecht. „Die Energie, die man dabei erhält, ist deutlich geringer als die, die für die Herstellung benötigt wird.“ Auch das Endlagern von kohlenstoffhaltigen Produkten auf Deponien ist schon seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt.
Unternehmen wie Gossler Envitec erkannten das enorme kommerzielle Potenzial, das in der Verwertung kohlenstoffhaltiger Abfälle liegt. Inzwischen boomt der Markt für das Kunststoff-Recycling. Das Problem: Plastik ist nicht gleich Plastik. Die Fülle der verschiedenen Sorten erschwert die Verwertung enorm. Der Privatverbraucher kann die vielen verschiedenen Kunststoffe nicht trennen – wer möchte sich schon mit 27 Sortierbehältern umgeben? Dazu kommt, dass rund 60 Prozent der Plastikabfälle Mischungen aus mehreren Kunststoffen sind. Gut sortierte Abfälle kosten daher schnell bis zu einem Euro je Kilogramm.
Für die Kraftstoffgewinnung nutzt Gossler Envitec Polypropylen und Polyethylen, auch Polyolefine Kunststoffe (PO) genannt. Diese finden sich unter anderem in Schraubverschlüssen von Getränkeflaschen. Gehäckselt kostet dieser Edelabfall pro Tonne stolze 400 Euro.
Gemeinsam mit der G&P-Entwicklungsgesellschaft und dem polnischen Anlagenbauer Remix S.A. hat Gossler eine erste Anlage entwickelt, die Leichtöle aus dieser Kunststoffart gewinnt. „Die Anlage dient als Erfahrungsgrundlage und zum Ermitteln der Anlagendaten für den Kunden“, erklärt Gutknecht. Nur 19 Tonnen wiegt die Minifabrik mit den Maßen eines 44-Fuß-Containers. Damit kann sie einfach auf einen Lkw gehoben, zum Kunden gefahren und dort aufgebaut werden.
Im Inneren der mobilen Anlage wird der Kunststoff stark erhitzt und dadurch in seine Bestandteile aufgespalten. Normalerweise wäre das Verfahren wegen des hohen Energiebedarfs völlig unwirtschaftlich. Die Gossler-Ingenieure aber konnten die Reaktionstemperatur stark senken, indem sie dem Kunststoffgranulat einen Katalysator beimengten. Zehn Prozent muss sein Anteil betragen, damit die Reaktion in Gang kommt. Die Rezeptur des Katalysators – mit derzeit rund zehn Euro pro Kilogramm nicht gerade günstig – ist das große Firmengeheimnis und bleibt gut im Tresor verschlossen.
Fachleute sprechen bei dem Verfahren von einer thermisch-katalytischen Spaltreaktion. Nach vier Stunden im Reaktor ist das Kunststoffgranulat in Schweröl umgewandelt. Aus diesem entsteht in weiteren Behandlungsschritten und durch Zugabe von Additiven motorenverträglicher Kraftstoff. Derzeit wäre der etwa doppelt so teuer wie an der Tankstelle. Dennoch versichert Gutknecht schon jetzt: „Unsere Anlage ist wirtschaftlich.“ In jedem Fall arbeitet die Zeit für ihn: Mit jedem Cent, um den das Rohöl teurer wird, wird seine Methode wettbewerbsfähiger. Neben der Benzingewinnung möchte sich Gossler Envitec auch mit Recyclingmethoden für andere Kunststoffe auf dem Markt etablieren. So hat Gossler ein Verfahren entwickelt, mit dem aus ungewaschenen und farblich unsortierten PET-Getränke-Flaschen wieder neue Flaschen hergestellt werden können. Ein wahrer Durchbruch, denn bislang werden sie zu minderwertigen Produkten verarbeitet. Weil eine Sortierung zu aufwändig wäre, werden bisher alte Flaschen aller Farben gemeinsam zu Granulat verarbeitet, aus dem sich keine glasklaren, braunen oder grünen Flaschen mehr herstellen lassen.
Auch dieses Problem hat Gossler Envitec im Rückwärtsgang gelöst: Die gehäckselten Altflaschen werden im Reaktor in ihre Ausgangsstoffe Trephtalsäure und Äthylenglycol zurückgewandelt. Und das Spiel beginnt von Neuem.