
Weltweit werden jährlich zehn bis zwölf Milliarden US-Dollar in Kabinensysteme für Flugzeuge investiert. Trotz dieses gigantischen Marktvolumens und guter Entwicklungsperspektiven ist die norddeutsche Zulieferindustrie für Kabinensysteme „langfristig in ihrer Überlebensfähigkeit bedroht“, warnt Klaus Ardey, 1. Vorsitzender des Unternehmerverbands Hanse Aerospace e.V.
Flugzeughersteller wie Airbus und Boeing erwarten zunehmend Geschäftsbeziehungen, in denen die Zulieferer ihre Entwicklungen als „Risk-sharing“-Partner mit eigenen Mitteln vorfinanzieren. „Dies geht fast immer über die Kräfte der oft nicht ausreichend kapitalisierten KMUs“, erklärt Uwe Gröning, Geschäftsführer der Innovint Aicraft Interior GmbH. Des Weiteren forderten die Kunden zunehmend die Möglichkeit zum One-Stop-Shopping, also alle Produkte und Serviceleistungen komplett aus einer Hand zu beziehen.
Die Branche reagierte: Im Juli 2004 gründete sie auf Initiative von Hanse Aerospace die Cabin Systems Holding GmbH (CSH). Dieses Systemhaus verknüpft die Kompetenz von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), multinationalen Konzernen und leistungsorientierten Investoren. Zu den fünf Gründungsgesellschaftern gehörten die Innovint Aircraft Interior GmbH, Ikarus Solutions GmbH, Comtas Aerospace GmbH, Pre Tech Predictive Design Technologies GmbH sowie die Hannes Schneider Beteiligungsgesellschaft mbH. Fast täglich gibt es neue Anfragen. Inzwischen ist die Zahl der Gesellschafter auf 20 Firmen angestiegen. Bis Ende 2005, rechnet Carsten Kessler, Geschäftsführer des neuen Systemhauses, werden 50 weitere hinzukommen. Schon früher soll die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft vollzogen werden.
Zur Gründung der CSH GmbH trugen auch die Bestrebungen von Airbus bei, bis Ende 2006 die Zahl seiner Systemzulieferer von derzeit rund 600 auf 400 zu senken. In Frankreich und Großbritannien ist dieser Konsolidierungsprozess schon erheblich weiter fortgeschritten als in Deutschland. „Als ‚First-tier’-Lieferanten kommen in Zukunft nur noch finanzstarke, weltweit operierende, serviceorientierte Systemhäuser in Frage, die intensiv Forschung und Entwicklung betreiben“, erläutert Gröning.
Mit der CSH verfolgen die norddeutschen Zulieferer ehrgeizige Ziele. Über die bestehenden Verbindungen zu Airbus möchten sie auch mit Boeing sowie den Regionalflugzeugherstellern Embraer (Brasilien) und Bombardier (Kanada) ins Geschäft kommen. Gerade Brasilien ist ein schwieriger Markt, der von US-amerikanischen Zulieferern dominiert wird. Durch die CSH haben nun auch Hamburger und norddeutsche Unternehmen als Komplettanbieter dort bessere Chancen.
Die Holding will sich auf dem heimischen und internationalen Markt um das Neugeschäft für seine Gesellschafter bewerben und peilt dabei für 2005 einen Umsatz von 50 Millionen Euro an. Bis 2009 soll der Umsatz auf 250 Millionen Euro ansteigen.
Mit Hamburg hat die CSH einen idealen Standort gewählt, weil hier die weltweit führende Unternehmer-Kompetenz für Kabinenausstattung ansässig ist. Nicht umsonst wird die weltgrößte Messe für Kabinenausstattung „Aircraft Interiors Expo“ auch 2005 wieder nach Hamburg kommen. Für die CSH ist sie die erste Gelegenheit, sich als weltweit erstes echtes Systemhaus für diesen Bereich der internationalen Branchenöffentlichkeit zu präsentieren.
Die CSH könnte dabei laut Ardey auch anderen Hamburger Wirtschaftsbranchen als Modell dienen: „Sie zeigt, wie sich KMU organisieren können, um ihre Position am Weltmarkt zu behaupten, ohne ihre unternehmerische Eigenständigkeit aufgeben zu müssen.“
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