Handelskammer Hamburg 2005

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Teppichhandel

Kein Märchen aus 1001 Nacht

Der Teppichhandel ist schon lange nicht mehr weich gebettet: Zwar sind die Produzenten so kreativ wie nie. Doch die Branche kämpft mit Kaufzurückhaltung, steigenden Rohstoffpreisen und leeren Lagern.

Über 100 Jahre lang war die Speicherstadt das Mekka der Hamburger Teppichimporteure. Bis vor zwei Jahren: Am 1. Januar 2003 fiel der Freihafenstatus. Damit ergaben sich für die Teppich-Importeure neue Möglichkeiten. Statt innerhalb des Freihafens, können sie nun ihre Waren auf Antrag zollfrei auch im Stadtgebiet lagern. Seitdem hat sich an der Borsteler Chaussee ein großes Zolllager mit moderner Ausstattung entwickelt, der einfache und komfortable Zugang zu den Lagerflächen erleichtert hier das Handling der angelieferten Ware. Allerdings fällt außerhalb der Freizone ein größerer Verwaltungsaufwand an.

Nach wie vor ist Hamburg für den europäischen Teppich-Import die zentrale Drehscheibe. "Die Branche schlägt über die Hälfte ihrer europaweit gehandelten und an die 75 Prozent der für Deutschland bestimmten Teppiche in Hamburg um", sagt Peter Fliegner, Geschäftsführer der European Carpet Importers Association e.V. (EUCA).

Doch der Teppichhandel durchläuft schwere Zeiten. Vor drei Jahren gab es in Hamburg noch rund 220 Händler, heute sind es noch 160. Der deutsche Markt ist innerhalb von nur vier Jahren um die Hälfte eingebrochen. "Schuld daran ist die geringere Nachfrage und der Abbau der Lagerware bei den Einzelhändlern," sagt Peter Fliegner. "Und langlebige Einrichtungsgegenstände trifft es in der Krise traditionell härter als andere Konsumgüter."

Ali Ipektchi, Vorsitzender der EUCA, glaubt trotzdem nicht an ein Aussterben der Branche. "Gerade die Dienstleistungen des Importeurs werden vom Einzelhandel mehr denn je nachgefragt", sagt er. Denn der Einzelhändler wolle und könne weder die Zeit noch das Geld aufwenden, um in den teppichproduzierenden Ländern direkt einzukaufen.

Mut machte sich die Branche im Januar auf der Leitmesse für Teppiche und Bodenbeläge, der Domotex in Hannover: Erstmals stieg die importierte Menge in den ersten drei Quartalen 2004 im Vergleich zum Vorjahr wieder an (7,8 Prozent).

Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt. Wegen der geringen Nachfrage der Industrieländer nach handgeknüpften Teppichen produzieren Indien, Nepal, China und Pakistan kaum noch Lagerware. Es wird fast nur noch auf Bestellung geknüpft. Die Knüpfer wandern in prosperierende Wirtschaftszweige ab, ganze Knüpfereien werden stillgelegt. Im Iran, dem klassischen Orientteppichland, beherrscht hingegen mit etwa 98 Prozent die Heimarbeit die Teppichherstellung. Die fast ausschließlich nebenberuflich tätigen Knüpfer produzieren nur bei entsprechender Nachfrage und passen sich den Marktgegebenheiten an.

Ob Iran oder China - die verfügbare Ware wird knapper und damit teurer. Hohe Rohstoffpreise, vor allem für australische und neuseeländische Wolle, treiben die Kosten für die Hersteller in die Höhe.

Innerhalb nur eines Jahres erhöhte sich die Börsennotierung in Syndey um fast 90 Prozent. Nur der starke Euro verhinderte bisher einen stärkeren Preisanstieg für den europäischen Endverbraucher. Eine weitere Klippe konnte die Branche umschiffen, weil sich das Brüsseler Büro unserer Handelskammer Hamburg, die EUCA und Hamburger Europaabgeordnete mit vereinten Kräften für sie einsetzten: Die EU-Kommission und das EU-Parlament hatten 1999 ein Verbot von Azo-Farbstoffen auf ihre Agenda gesetzt. Im Gegensatz zu seriengefertigter Industrieware hätten mit der Verabschiedung des Gesetzes jeder einzelne Orientteppich untersucht und für die nötige Probenentnahme beschädigt werden müssen. Die Hamburger Initiative konnte das Vorhaben stoppen - sie sicherten damit nicht nur den Orientteppichhandel in Hamburg, sondern in ganz Europa.

Dass die Branche Verantwortung übernimmt, beweist sie mit der 1994 gegründeten Initiative "Care & Fair". Diese Initiative setzt sich gegen den Missbrauch der Kinderarbeit und für sozialverträgliche Herstellungsmethoden ein. "Kaum eine andere Branche leistete Vergleichbares über diesen langen Zeitraum", betont der Vorsitzende, Volker Heinrich.

Julia Körner
julia.koerner@hk24.de
Telefon 36 13 8 285

Infos und Kontakte

EUCA - European Carpet-Importers Association e.V.
Borsteler Chaussee 85-99,
Haus 5, 22453 Hamburg
Telefon 511 6077, Fax 511 6078
www.euca.de

Care & Fair
Teppichhandel gegen Kinderarbeit e.V.
Borsteler Chaussee 85-99,
Haus 5, 22453 Hamburg
Telefon 511 6057, Fax 511 6078
www.care-fair.org

hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2005