
Knapp 70 Jahre ist es her, dass Altona durch das Groß-Hamburg-Gesetz in die Hansestadt eingemeindet wurde. Heute ist die ehemalige Stadt mit 248000 Einwohnern der drittgrößte Bezirk Hamburgs und macht eine dynamische Entwicklung durch: Investoren und Stadtplaner nutzen brachliegende Flächenpotenziale für ehrgeizige Projekt.
Wir schreiben das Jahr 2015. Bahnreisenden, die in Altona aussteigen, präsentiert sich ein vollkommen verändertes Bild. Der Grund: Der Fernbahnhof Altona wurde direkt an die Nord-Süd-Hauptstrecke zum Diebsteich verlegt. Hier ist ein attraktiver Durchgangsbahnhof mit einer neuen Bahnsteiganlage samt Verladerampe für den Autoreiseverkehr entstanden. Der neue Fernbahnhof ist durch die Anbindung an die Autobahn A7 sehr gut mit dem Pkw zu erreichen. Hierfür wurde zwischen Stresemannstraße und Holstenkamp eine neue Straßenverbindung gebaut, die wegen der Trassenführung in einem aufgegebenen Gleisbett vergleichsweise geringe Baukosten verursacht hat. Zurück in die Gegenwart: Es sind zwar noch neun Jahre hin, bis das Vorhaben realisiert sein könnte, doch die Planungen laufen bereits jetzt auf Hochtouren. Erwogen wird die Verlagerung bereits seit den 1990er-Jahren, da sich der Fernbahnhof Altona zunehmend in einer problematischen Lage befindet: Seine Bedeutung als Regionalbahnhof sinkt, da viele Züge aus Schleswig-Holstein direkt am Hauptbahnhof enden und starten müssen. Da er ein Kopfbahnhof ist, behindert die Autoverladung von Reisezügen außerdem am Bahnsteig andere Fahrgäste.
Um einen intensiven Impuls für das städtebauliche Umfeld zu geben, müsste das Empfangsgebäude zur Stresemannstraße hin geöffnet werden, zudem müsste ein ausreichend großes Parkhaus geschaffen werden, um der verkehrlichen Bedeutung des Bahnhofes für die Region südliches Schleswig-Holstein gerecht zu werden, sagt Baudezernent Reinhold Gütter. Südlich der Stresemannstraße könnten auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes neben Erweiterungsflächen für die Holsten-Brauerei weitere Wohn- und Gewerbeflächen entstehen. Damit bekäme Altona die einmalige Chance, mitten in seinem Kerngebiet rund 20 Hektar Bauflächen neu zu erschließen.
Dass Altona in Bewegung ist, lässt sich besonders gut am Altonaer Fischmarkt beobachten. Hier ist in den letzten Jahren eine derart starke Bautätigkeit in Gang gekommen, dass Insider schon von einer zweiten HafenCity sprechen. Der Altonaer Fischereihafen wurde erst kürzlich aus dem Hafenentwicklungsgesetz herausgelöst und so zum interessanten Standort für neue Bauprojekte. Besonders spektakulär ist das vom Architekturbüro Bothe-Richter-Teherani entworfene keilförmige Bürogebäude Dockland, das wie ein Schiffsbug über das Wasser ragt. Und auch der denkmalgeschützte Kaispeicher D am Fischereihafen soll nach den Vorstellungen des Bezirkes mit einer Glaskonstruktion ergänzt werden und künftig Lofts beherbergen, die als Büros oder Wohnungen genutzt werden können. In unmittelbarer Nachbarschaft sind an der Straße Neumühlen bereits sechs mehrgeschossige Wohn- und Bürobauten entstanden, auch für die angrenzenden Areale interessieren sich Investoren.
Weitere Büro- und Loftbauten sind in den begrünten Hangverlauf an der Großen Elbstraße integriert und bilden den so genannten Elbberg-Campus. Dabei ist darauf geachtet worden, die Sichtachse vom Altonaer Balkon zum Hafen freizuhalten. Mit der von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt initiierten Architektur-Olympiade 2006 sollen weitere spektakuläre Gebäude für dieses Areal entwickelt werden. Um diesen vor allem als Bürostandort an Bedeutung gewinnenden Bereich besser an das Zentrum Altonas anzubinden, soll der Altonaer Hafenbahntunnel, besser bekannt als Schellfischtunnel, wieder geöffnet werden. Der eingleisige, rund 900 Meter lange Tunnel wurde 1880 in Betrieb genommen, um den Warenumschlag zwischen dem Fischereihafen und dem Altonaer Bahnhof zu beschleunigen. Im Jahre 1992 wurde die Hafenbahn stillgelegt. Diesen Sommer hat die Bürgerschaft die Stadtentwicklungsbehörde damit betraut, ein Nutzungskonzept für die Wiederbelebung des Schellfischtunnels zu erstellen. Welches Verkehrsmittel eingesetzt werden soll, ist noch offen. Die technischen Lösungsmöglichkeiten wurden mit verschiedenen Gutachten belegt, so Hochbahn-Vorstandschef Günter Elste, doch entscheidend ist, dass diese auch finanziert werden müssen.
Neben dem Elbufer hat besonders der Stadtteil Ottensen in den vergangenen Jahren eine immense Wandlung vom Industrie-standort zum Szeneviertel erfahren. Die vielen sanierten Altbauten gelten sowohl für Studenten, als auch für Familien und junge Paare als hochattraktiv. Dies belegen auch die zahlreichen größeren und kleineren Bauvorhaben. So wird derzeit auf dem 11500 Quadratmeter großen Gelände der ehemaligen Fischräucherei Friedrich das Projekt Westend Ottensen, ein Mischgebiet mit neoklassizistischer und moderner Architektur, umgesetzt. Die Architekten Ralph Flum und Antonio Citterio (Mailand) haben die überwiegend gründerzeitlich anmutende Anlage um einen runden Platz im Norden des Quartiers angelegt, welcher sich zur Bunsenstraße hin öffnet und somit das umliegende Wohngebiet einbezieht. Das Quartier wird zu 60 Prozent als Wohnraum und zu 40 Prozent für Gewerbe genutzt werden. Die Besonderheit dieses Projekts liegt in der Planung ohne Bebauungsplanverfahren, sagt Bauherr Christian Peters. Die Genehmigung ist über Paragraph 34 Baugesetzbuch, der Zulässigkeit von Vorhaben innerhalb im Zusammenhang bebauter Ortsteile, ermöglicht worden.
In unmittelbarer Nähe wird derzeit das Projekt Kühnehöfe auf dem ehemaligen Produktionsgelände der Firma Carl Kühne KG realisiert. Kühne hatte den Betrieb 1995 nach einem Brand teilweise verlagert, das frei werdende 3,5 Hektar große Areal wurde von der zum Warburg-Konzern gehörenden Hamburgischen Immobilien Handlung GmbH (HIH) aufgekauft. Über die geeignete Nutzung war lange und intensiv politisch diskutiert worden, inzwischen sind die ersten Gebäude fertig gestellt.
Bereits in 2004 wurden von der Behrendt Wohnungsbau KG rund 200 Wohneinheiten in zentraler Lage errichtet, von welchen rund zwei Drittel Mietwohnungen und ein Drittel Eigentumswohnungen sind. Neben Wohnungen entstehen auf den Kühnehöfen Büro-, Laden- und Gastronomieflächen sowie ein Hotel. Bei der Planung wurde der Charakter der historischen Gewerbehöfe aufgenommen und durch ansprechende Architektur neu interpretiert. Die Bebauung ist anhand einer in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Achse ausgerichtet, an welcher die fünf Baublöcke mit jeweils dazugehörigen kleinen Parks liegen. An der Stresemannstraße im nördlichen Bereich des Gebietes entstehen zwei weitere Baublöcke, die dem Quartier eine prägende Bebauungskante verleihen. Die Unternehmenszentrale der Firma Carl Kühne KG wird weiterhin mit mehr als 150 Mitarbeitern auf einer Fläche von rund 3270 Quadratmeter am traditionellen Standort bleiben.
Doch auch Standorte des Bezirks, wie der ehemalige Bahnhof Blankenese werden entwickelt. Die B&L Projektentwicklungsgesellschaft / Deutsche Grundvermögen DGAG hat hierfür im Jahre 2001 einen Städtebau-Wettbewerb durchgeführt. Am Goßlers Park sind bereits anspruchsvolle Neubauten entstanden, die in einem Bezug zur historischen Bebauung stehen und sowohl Wohnraum als auch Büros und Gewerbeflächen beinhalten. Doch auch die Aufenthaltsqualität des Bahnhofplatzes soll durch eine attraktive Architektur und Nutzungsstruktur aufgewertet werden. Was gemeinhin als Visitenkarte einer Ortschaft gilt, ist ausgerechnet in Blankenese alles andere als der Fall gewesen berichtet Martin Mörl von der DGAG Shopping Immobilien GmbH. Mit dem Projekt soll das Quartier um den Bahnhofsplatz aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden und zu einem Vorzeigeort werden, an dem man gerne in Blankenese ankommt. Das Projekt schafft zudem Raum für 350 neue Arbeitsplätze und Wohnungen für rund 180 Menschen.
Der Bezirk bietet aber auch noch weitere Wohnbauflächenpotenziale. So würde eine Überdeckelung der Bundesautobahn A7 in Höhe der Anschlussstelle Othmarschen bis nach Bahrenfeld nicht nur die umliegenden Wohngebiete von Lärm und Abgasen entlasten es würden zusätzlich 40 Hektar hochwertige Wohnbauflächen in begehrter Lage entstehen. Die Vertunnelung der A 7 ist als großes Stadtentwicklungs- und Stadtreparatur-Projekt gedacht, erklärt Reinhold Gütter, Baudezernent des Bezirks Altona. Wenn Kleingärten im Umfeld der Autobahn auf den Deckel verlagert werden, könnte durch neue Bauflächen für 800 bis 1000 Wohnungen überwiegend Familienheime auch ein erheblicher Finanzierungsbeitrag entstehen. Die alsbaldige Umsetzung des Konzeptes wird von der Handelskammer nicht nur gefordert, sondern bereits seit einiger Zeit mit konstruktiven Ideen zu Fragen der Finanzierung und Ausgestaltung des Projektes befördert. Durch den A7-Deckel können die von Mitarbeitern und Führungskräften der Unternehmen stark gesuchten zentral gelegenen Wohnungsbaugrundstücke geschaffen werden, sagt Hans-Christian Friedmann, Geschäftsführer der Ladiges GmbH, Mitglied des Plenums und ehrenamtlicher Bezirksbeauftragter der Handelskammer für den Bezirk Altona. Da attraktives Wohnen ein Standortfaktor ist, wird durch den A7-Deckel die internationale Anziehungskraft Hamburgs gestärkt. Zugleich bringen die neuen Wohnflächen eine Verbesserung der Lebensqualität für die bereits ansässigen Bürger mit sich. Eine einmalige Situation, die den A7-Deckel zum idealen Leitprojekt für die Wachsende Stadt macht. Neben großen Potenzialen hat Altona aber auch ein großes Problem: Im Hamburger Bezirk mit der zweithöchsten Zahl niedergelassender Unternehmen fehlen Gewerbeflächen. Und zurzeit sind keine weiteren städtischen Flächen in der Entwicklung. In erster Linie könnten die alten Industrie- und Gewerbegebiete in Bahrenfeld über ein gezieltes Flächenmanagement wieder für eine Expansion und Neuansiedlungen von Unternehmen herangezogen werden. Es gibt aber auch andere größere zusammenhängende Flächen wie den heutigen Parkplatz Braun, das Klärwerk am Volkspark oder das von der Handelskammer in die Diskussion gebrachte Gelände am Vorhornweg in Lurup. Dort, in unmittelbarer Nähe zum Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) besteht die Chance, hochqualifizierte Firmen als Zulieferer für die europäische Röntgenlaseranlage XFEL und Ausgründer der Laser-Physik anzusiedeln.
Insgesamt zeigt Altona eine sehr eindrucksvolle städtebauliche Dynamik, die ihn zu einem Vorzeige-Bezirk Hamburgs macht. Es gilt nun, auch die weiteren Flächenpotenziale zu aktivieren, um den Bezirk Altona für Hamburger Unternehmen noch attraktiver zu machen.