Handelskammer Hamburg 2006

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Wissensbilanzen

So schlau sind wir?

Wissensbilanzen helfen Unternehmen, ihren gesammelten Erfahrungsschatz sichtbar zu machen. Das ist auch gut für Verhandlungen mit der Hausbank. In Deutschland wenden jetzt die ersten Unternehmen das Instrument im Rahmen eines Pilotprojekts an.

Wissensunterschiede entscheiden den Wettbewerb“, sagt Christoffer Siebert. Dabei klingt er fast wie der Marketingchef einer Biotechnologiefirma. Tatsächlich ist er Mitglied der Geschäftsführung des Herrenausstatters Sör Rusche mit Sitz im westfälischen Oelde und 26 Filialen von Sylt bis München. Mit Hightech hat das Unternehmen wenig zu tun – verfügt aber auch über wertvolles Know-how, das Siebert jetzt in einem aufwendigen Projekt bündeln ließ: Sör Rusche erstellte eine Wissensbilanz. Und das, obwohl zunächst niemand außer dem Chef mit dem sperrigen Begriff etwas anfangen konnte.

Das Bundeswirtschaftsministerium definiert ihn so: „Eine Wissensbilanz weist die immateriellen Vermögenswerte einer Firma in strukturierter Form aus und ergänzt so die klassischen Geschäftsberichte um bisher vernachlässigte Kriterien.“ Fachleute sprechen von einem Instrument zur gezielten Darstellung des intellektuellen Kapitals einer Firma. „Es geht darum, was wir können, wer wir sind und wo wir besser werden müssen“, formuliert Uwe Ahrens, Aufsichtsrat bei der Berliner Medizintechnik-Firma AAP.

Eine Wissensbilanz macht kollektive Kenntnisse und Fähigkeiten sichtbar: Lieferanten- oder Kundenbeziehungen, Erfahrungen oder Talente, der Ausbildungsstand einer Belegschaft. Solche „weichen Faktoren“ sind zwar ungeheuer wichtig für den Unternehmenserfolg, in der üblichen Gewinn- und Verlustrechnung tauchen sie aber kaum auf.

Um derart schwammige Sachverhalte bilanztauglich aufzulisten, brauchen die Firmen geeignete Kategorien und Begriffe. Die Konzeption einer solchen Aufstellung ist weder einfach, noch in Deutschland bislang sehr verbreitet. Unterstützung finden interessierte Firmen seit zwei Jahren beim „Arbeitskreis Wissensbilanz“, einer Initiative des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK), des Bundeswirtschaftsministeriums und einiger europäischer Hochschulen. Im Rahmen eines Pilotprojekts haben bereits 14 Unternehmen aus verschiedenen Branchen unter Anleitung von Fraunhofer-Experten eine erste Wissensbilanz erstellt.

Eine Wissensbilanz soll helfen, den Erfahrungsschatz eines Unternehmens zu heben – und zu Geld zu machen. Denn vor allem Mittelständler sind gut beraten, ihr geistiges Kapital sichtbar zu machen. Hat die Bank Vertrauen, schlägt sich das nieder in günstigeren Kreditkonditionen. Auf diese Weise, hoffen die Verfechter von Wissensbilanzen, werde sich der Aufwand mittelfristig auch finanziell lohnen.

Und nicht nur den Banken nützt die akribische Bestandsaufnahme. „Für unsere Mitarbeiter war schon der Prozess ein Erfolg“, sagt Uwe Ahrens. Ganz nebenbei wurden uralte Telefonlisten entschlackt, Sprach- und Computerkenntnisse aufgelistet, der Zugriff auf Datenbanken aktualisiert. „Unsere Belegschaft bekam ein viel tieferes Verständnis von Strukturen und Abläufen“, lobt der AAP-Aufsichtsrat.

„Die Arbeit an der Wissensbilanz hat den Blick für Stärken und Schwächen unseres Unternehmens geschärft“, sagt Siebert. „Wir haben erkannt, dass wir einiges ändern müssen und manche teure Workshops gespart.“

Trotzdem muss sich das neue Messinstrumentarium erst im rauen Betriebsalltag bewähren. „Solange alles gut läuft und das Unternehmen wächst, ist auch Raum für etwas abseitige Projekte wie eine Wissensbilanz“, sagt Pernille Petersen, Wissensmanangerin bei Carl Bro. Sobald aber gespart werden muss, verenge sich der Fokus auf das unmittelbar Notwendige: „Wenn der Wind etwas eisiger weht, gehen auch die besten Absichten leicht unter.“

Sabine Rössing
redaktion@hamburger-wirtschaft.de
Telefon 36 13 8 302

Internet

Weitere Informationen auf der Website des Arbeitskreises Wissensbilanz: www.akwissensbilanz.org

hamburger wirtschaft, Ausgabe Januar 2006