Handelskammer Hamburg 2006

< zurück

Gerhard D. Wempe KG

Mechanisches Marine-Chronometer

Das Produkt

Navigation ist heute keine Kunst mehr – ein Blick auf die Anzeige der satellitengestützten Positionsbestimmung und der Kapitän weiß auf allen Weltmeeren, wo sich sein Schiff befindet. Bis vor gut 40 Jahren waren die Seeleute jedoch neben dem Sextanten noch auf ein mechanisches Chronometer angewiesen, um ihren genauen Standort festzustellen. Mit dieser besonders präzise gehenden Uhr wurde der Längengrad bestimmt, der aus der Differenz des Zeitunterschiedes zwischen Heimathafen und der Uhrzeit an Bord errechnet wird.

Obwohl sie heute als Messinstrumente in der Seefahrt nicht mehr ausrüstungspflichtig sind, werden mechanische Schiffschronometer immer noch hergestellt – von den Wempe Chronometerwerken in der Hamburger Steinstraße. Wempes Klassiker unter den Schiffsuhren ist das mechanische Marine-Chronometer. Produziert wird es auch heute noch genauso wie vor über 100 Jahren: „Jedes Exemplar wird von unseren Uhrmachern in rund 200 Arbeitsstunden handgefertigt,“ erklärt Christian Blanck, Abteilungsleiter der Wempe Chronometerwerke.

Ist das Chronometer zusammengebaut, beginnt mit der Feinabstimmung, Reglage genannt, der wichtigste Teil des Uhrmacherhandwerks: Die Unruh wird solange ausgerichtet, bis sie gleichmäßig läuft, und Zahnräder werden nachgeschliffen, bis sie exakt ineinander greifen. Für die Präzision sorgen Uhrmacher mit außergewöhnlich geschultem Gehör. Sie vergleichen den sekündlichen Signalton einer funkgesteuerten Uhr mit dem Ticken des Marine-Chronometers. Dabei können sie noch auf die Drittel-Sekunde genau feststellen, ob das Chronometer vor oder nach geht. Monatelang wird immer wieder justiert, bis die wichtigste Anforderung erfüllt ist: weniger als drei Zehntelsekunden Abweichung am Tag. „Selbst die feinsten Abweichungen im Material verändern die bewegten Massen im Werk und damit die Ganggenauigkeit der Uhr”, erläutert Blanck. Soviel Präzision und Arbeitsaufwand hat seinen Preis: Die tickenden Schmuckstücke kosten 12650 Euro. „Dafür liefern wir ein handgefertigtes Unikat, das auch nach Jahren noch auf die Sekunde genau die präzise Zeit anzeigt,“ fasst der 31-Jährige den hohen Qualitätsanspruch der Chronometerwerke zusammen.

Die Geschichte

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann der rapide wachsende Bedarf der kaiserlichen Marine und Handelsflotte nicht mehr mit den bis dahin nur in England produzierten Chronometern gedeckt werden. Daher wird vor allem in Hamburg eine vom Ausland unabhängige und konkurrenzfähige Chronometerherstellung vorangetrieben. 1905 gründen sechs Hamburger Reedereien und der Chronometermacher Ferdinand Dencker die Hamburger Chronometerwerke GmbH. 1938 übernimmt Herbert Wempe das Unternehmen und benennt es in Wempe Chronometerwerke GmbH um. Ab 1942 stellt das Unternehmen zusammen mit ihrer bisherigen Konkurrenzfirma A. Lange & Söhne aus Glashütte präzise, aber kostengünstige mechanische Einheitschronometer her. Mit Erfolg: Die Produktion wächst bis 1943 auf 900 Instrumente im Jahr an. Auch nach dem Krieg liefert das Unternehmen noch an die 300 Stück pro Jahr aus. Als Mitte der 70er Jahre die Quarztechnologie erfunden und die Marine-Chronometer-Herstellung darauf umgestellt wird, geht die Produktion der mechanischen Schiffsuhren rapide zurück. Zwischenzeitlich wird die Produktion ganz eingestellt, 1989 aber wieder aufgenommen.

Das Unternehmen

Die ehemalige Wempe Chronometerwerke GmbH ist heute ein Geschäftsbereich der Gerhard D. Wempe KG. Das 1878 gegründete Unternehmen verkauft in Einzelhandelsgeschäften Uhren und exquisiten Schmuck. Zudem betreibt Wempe im Stammhaus in der Steinstraße noch eine hauseigene Werkstatt, in der Uhren gewartet und repariert werden. Hier produziert der Geschäftsbereich Chronometerwerke neben dem mechanischen Marine-Chronometer hauptsächlich hochmoderne Uhrenanlagen und Präzisionsinstrumente für die Schifffahrt. Das von Kim-Eva Wempe in vierter Generation geführte Familienunternehmen hat weltweit 25 Niederlassugen und beschäftigt rund 460 Mitarbeiter, davon 150 in Hamburg. Der Umsatz lag 2004 bei rund 163 Millionen Euro.

Andrea Becker
andrea.becker@hk24.de
Telefon 36 13 8 329
Haben Sie Produkte, die überregional bekannt sind? Dann Rufen Sie uns an!
hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2006