Handelskammer Hamburg 2007

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Ausbildung

Nicht aufgeben

Schlechte Noten und fehlende Sozialkompetenz machen die Lehrstellensuche für viele Jugendliche zum Hindernislauf. Doch immer mehr Hamburger Unternehmen helfen ihnen mit Praktika, Einstiegsqualifizierungen oder Bewerbungstraining. Das Engagement zahlt sich aus: Vielen Jugendlichen gelingt der Einstieg in die Ausbildung.

Am meisten Spaß macht Maximiliane Lemke das Dekorieren. Und der Umgang mit den Kunden. Und, natürlich, dass sie den ganzen Tag von Blumen umgeben ist. Seit einem halben Jahr ist die 18-Jährige Auszubildende zur Floristin im Blumengeschäft Vogt in Fuhlsbüttel. „Mir war schnell klar: Das ist es“, sagt Maximiliane und strahlt. Lange Zeit war ihr nicht klar, wie ihre Zukunft verlaufen würde. Nach dem Abschluss an der Gesamtschule am Heidberg mit einem Notenschnitt von 3,6 hatte sie einige frustrierende Erlebnisse: Auf 23 Bewerbungen erhielt sie 23 Absagen.

Dass sie jetzt eine Lehrstelle besitzt, verdankt Maximiliane einer Einstiegsqualifzierung. Diese Qualifizierungen sind nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Hamburger Wirtschaft Jugendliche in Ausbildung vermittelt, die zuvor Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt hatten.

Im Nationalen Pakt für Ausbildung hatten sich die Bundesregierung und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft darauf geeinigt, dass jeder ausbildungswillige und -fähige Jugendliche ein Angebot erhalten soll. Doch es gibt eine ganze Reihe von Jugendlichen, die ihren Ausbildungswillen nicht überzeugend vermitteln können oder deren Wert für den Arbeitsmarkt nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Einige dieser Jugendliche können nur ein Zeugnis mit schlechten Noten oder vielen Fehlzeiten aufweisen. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen oft nicht in der Schuld des Bewerbers. So haben junge Menschen aus Einwandererfamilien oftmals sprachliche Probleme. Viele Bewerber aus schwierigen Elternhäusern haben Defizite im sozialen Miteinander und fallen beispielsweise durch Unhöflichkeit oder Unpünktlichkeit negativ auf. Die Vermittlungsperspektiven sind entsprechend schlecht. Aber immer mehr Unternehmen und Institutionen nehmen ihre soziale Verantwortung wahr und versuchen, den Betroffenen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern.

Eine Möglichkeit dazu sind die Einstiegsqualifizierungen. „Junge Menschen, die zu Ausbildungsbeginn noch keine Lehrstelle gefunden haben, erhalten bei uns eine zweite Chance“, erklärt Jesco Tonne, vom Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft“, der von Handelskammer, der Handwerkskammer und dem UV Nord getragen wird und in Hamburg die Plätze vergibt. „Diese Einstiegsqualifizierung ist eine Art Praktikum, in dem der Teilnehmer Bausteine aus einem anerkannten Ausbildungsberuf kennen lernt“, sagt Tonne. „Es gibt mittlerweile mehr als 70 Module für alle Berufssparten. Das ist quasi eine Ausbildung light.“

Das Modell bietet Vorteile für beide Seiten. Der Praktikant kann zeigen, zu was er tatsächlich in der Lage ist und beweisen, dass er trotz schlechtem Schulzeugnis gute praktische Arbeit leisten kann. „Andererseits kann der Betrieb sich den Bewerber ansehen und in Ruhe entscheiden, ob der Praktikant als Auszubildender in Frage kommt“, sagt Tonne. Finanziell ist das Ganze für den Betrieb keine Belastung, denn die monatliche Vergütung der Einstiegsqualifizierung in Höhe von 192 Euro sowie die Sozialabgaben in Höhe von 102 Euro werden von der Arbeitsagentur übernommen.

Jesco Tonne und seine Kollegen führen Unternehmen und Bewerber zusammen. Neben dem reinen Matching hat sein Verein aber seit Anfang 2006 aber auch eine betreuende Funktion. „Wir schlichten im Konfliktfall. Gerade am Anfang fühlen sich Jugendliche manchmal ungerecht behandelt“, erklärt Tonne. „Sie fragen uns beispielsweise, ob der Arbeitgeber wirklich Überstunden verlangen kann oder ob Urlaubszeiten vorgegeben werden dürfen.“ Oft lernen die Jugendlichen über die Telefonate mit Jesco Tonne ihre Rechte und vor allem ihre Pflichten genauer kennen – und gehen anschließend beruhigt wieder an die Arbeit. Mit Einführung der Betreuung sei die Abbruchquote drastisch gesunken, sagt Tonne. Und auch sonst können sich die Erfolge der Einstiegsqualifizierungen sehen lassen. „Wer das Abschluss-Zertifikat erreicht hat, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch anschließend an eine Lehrstelle. In der Ausbildungssaison 2005/2006 hatten wir eine Übernahmequote von mehr als 80 Prozent.“ Und: Die Einstiegsqualifizierung kann unter bestimmten Voraussetzungen mit bis zu sechs Monaten auf die Ausbildung angerechnet werden. Gute Erfahrungen mit der Integration benachteiligter Jugendlicher hat auch die Firma Globetrotter-Ausrüstung gemacht. „Wir versuchen schon seit Jahren, Jugendlichen eine ihren Leistungsmöglichkeiten entsprechende Ausbildung zu verschaffen“, sagt Andreas Bartmann, Geschäftsführer des Outdoor-Kaufhauses. „Wir spüren als Unternehmen eine soziale Verantwortung – und die haben wir uns auch auf die Fahnen geschrieben.“ Konkret heißt das: Ein Drittel der Globetrotter-Auszubildenden sind Jugendliche mit Sozial- und Bildungsdefiziten. Seit mehr als zehn Jahren bietet das Unternehmen diesen Jugendlichen Lehrstellen und auch Arbeitsplätze an. „Wir haben durch dieses Vorgehen einen Pool von Mitarbeitern mit sehr guten Berufsabschlüssen geschaffen“, sagt Bartmann. Die Bewerber werden zu Kurzpraktika von ein bis drei Wochen eingeladen und dann von den Mitarbeitern der Abteilung ausgewählt, in der sie eingesetzt werden sollen.

„Natürlich gibt es anfangs vielerlei Probleme zu bewältigen“, berichtet Bartmann. So gäbe es Jugendliche, die nicht gut lesen und schreiben könnten. „Schon das Überprüfen von Frachtpapieren kann dann schwierig werden.“ Solche Defizite versucht Globetrotter mit entsprechenden Nachbildungsmaßnahmen auszugleichen. Häufig existieren auch soziale Hemmschwellen. Viele Jugendliche seien nicht an einen normalen Tagesablauf gewöhnt und täten sich mit regelmäßigen Arbeitszeiten schwer, so Bartmann. Einige lernten erst im Betrieb geregelte Mahlzeiten kennen.

Lohn der Mühe ist eine außergewöhnlich hohe Loyalität dem Betrieb gegenüber, berichtet Bartmann. „Die Leute sind einfach dankbar, dass mal jemand an sie geglaubt hat und ihnen eine Chance gegeben hat. Sie werden sehr wertvolle Mitarbeiter, die sehr gute Arbeit machen.“ Diese Mitarbeiter sind in der Folgezeit obendrein besonders gut geeignet, sich um neue Auszubildende zu kümmern, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie sie selbst. Auch wirtschaftlich mache sich die Investition positiv bemerkbar, sagt Bartmann, allerdings erst langfristig. „Man muss schon in Zeitzyklen denken, die etwas länger sind als zwei, drei Jahre.“

Einen lokalen Hilfs-Ansatz verfolgt die Norddeutsche Affinerie auf der Veddel. Reinhard Wagner, der bei dem Kupferproduzenten die Aus- und Fortbildung leitet, erläutert: „Wir haben einen Kooperationsvertrag mit der Schule Slomanstieg hier im Stadtteil. Ein Jahr lang kommt deren achte Klasse jeden Mittwoch zu uns und lernt in unserer Werkstatt Metallbearbeitungstechniken.“ Der betreuende Lehrer stammt von der Schule Slomanstieg, die Affinerie stellt die Räume und das begleitende Fachpersonal. Etwa 95 Prozent der Schüler dieser Schule stammten aus Migrantenfamilien und sprächen nur schlecht Deutsch, sagt Wagner. Ihre Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, seien sehr gering.

„Bei unserem Praxislerntag stehen sie schon ein bisschen im Berufsleben. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein“, meint Wagner, „neben der Metallverarbeitung lernen sie auch betriebliche Abläufe kennen.“ So würden viele durch die genaue Einhaltung von Arbeits- und Pausenzeiten lernen, wie sie insgesamt mehr Struktur in ihren Alltag bringen können. Auch würde sich die Konzentration, die sie bei der praktischen Arbeit entwickelten, positiv auf den Schulunterricht auswirken. Die Lehrer berichten, dass die Jugendlichen nach dem ausgelagerten Werkunterricht im Klassenzimmer deutlich konzentrierter sind.

Auch die E.C.H. Will GmbH bietet solche Praxislerntage an. Kooperationspartner des Papiermaschinen-Anbieters ist die Gesamtschule Harburg. Und die Personaldienstleistungsfirma Vedior unterstützt Schüler der Abgangsklassen der Haupt- und Realschule Veermor bei der Suche nach Praktikumsplätzen und Ausbildungsplätzen, unter anderem durch ein persönliches Bewerbungstraining. „Wir möchten den jungen Menschen einen guten Start ins das Berufsleben ermöglichen“, sagt Sabine Forest, Vendior-Geschäftsführerin.

Kleinste Hamburger Vermittlungseinheit in Sachen Ausbildung ist wohl Thomas Lamprecht, Mitinhaber der Daimler-Chrysler-Niederlassung Roßbach im Poppenbütteler Weg. Sein ehrenamtliches Engagement gilt vor allem den Förderschülern. Als eine Art „Ein-Mann-Netzwerk“ hat er eine Kooperation mit den Bugenhagen-Schulen in Alsterdorf initiiert, wo Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen gemeinsam lernen.

„Durch meine Arbeit im Vorstand der Mittelstandsvereinigung kenne ich viele Unternehmer und höre von der Situation in deren Betrieben“, erklärt Lamprecht sein Vorgehen. „Mit diesem Wissen versuche ich die Schüler für dreiwöchige Praktika in die Firmen zu vermitteln.“ Vorher wird mit den Lehrern eine Auswahl getroffen, um für die Stelle einen passenden Schüler zu finden. Die Lehrer betreuen ihre Schützlinge auch über die Dauer des Praktikums und schauen immer wieder bei der Arbeitsstelle vorbei, um bei Problemen helfen zu können.

In mehr als 30 handwerklichen und kaufmännischen Unternehmen hat Lamprecht gemeinsam mit dem Lehrer Daniel Röhe schon Jugendliche vermitteln können. So helfen sie etwa bei Installationsarbeiten oder kommen in Hotels und Gaststätten zum Einsatz. So kam der Bugenhagen-Schüler Dennis Moosbrucker beim Autovermieter Profirent unter. Sein Schulkamerad Sascha Brandt absolvierte in Thomas Lamprechts eigenem Betrieb ein Praktikum. Ziel der Maßnahme ist nicht unbedingt eine Lehrstelle. „Auch eine Beschäftigung als Hilfskraft ist für manchen Schüler in Ordnung“, führt Lamprecht aus. Betriebe bräuchten schließlich nicht nur Fachkräfte, sondern auch einfach zuverlässige Mitarbeiter. Lamprecht kennt die Sorgen benachteiligter Jugendlicher aus dem eigenen Familienumfeld. Auch sein Sohn besucht eine Förderschule – und hat gerade eine Lehre in der Firma Globetrotter begonnen.

„Ich kann nur die Vermittlungsarbeit für eine Schule leisten. Es wäre toll, wenn sich auch andere Unternehmer einer Schule annehmen würden“, sagt der Mercedes-Mann. Vor allem pensionierte Führungskräfte seien dafür gut geeignet. Sie hätten die geeigneten Verbindungen und meist auch genügend Zeit für das soziale Engagement.

Im allerbesten Fall kann so ein junger Mensch so nicht nur überhaupt einen Beruf erlernen, sondern findet sich sogar in seinem Traumjob wieder. So wie die angehende Floristin Maximiliane Lemke. Ob sie nach ihrer Ausbildung im Blumengeschäft Vogt bleibt, ist noch nicht sicher, sagt sie: „Aber in dem Beruf bleibe ich auf jeden Fall.“

Frank Aures
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hamburger wirtschaft, Ausgabe Januar 2007