Handelskammer Hamburg 2007

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Haus im Haus

Piraten und Politiker

342 Jahre, präsentiert auf 120 Quadratmetern. Mit Film- und Hörproben, Porträts und ungewöhnlichen Ausstellungsstücken informiert im Haus im Haus die Ausstellung „Wir handeln für Hamburg“ über Geschichte und Wirken der Handelskammer.

Wer über die lange Freitreppe in den dritten Stock des Haus im Haus gelangt, wird von Piraten in Empfang genommen. Inmitten eines nachgebauten Schiffsdecks ist Stummfilmstar Douglas Fairbanks auf einem Bildschirm als „Der schwarze Pirat“ beim Kapern eines Schiffs zu beobachten. Der Filmklassiker verweist darauf, dass die Commerzdeputation, aus der die Handelskammer hervorging, 1665 als Reaktion auf die wachsende Bedrohung durch Piraten gegründet wurde. Das Arrangement ist Teil der Dauerausstellung „Wir handeln für Hamburg“, die über das Wirken und die Geschichte der Handelskammer informiert.

Nicht nur die Ladung der Handelsschiffe, sondern auch deren Mannschaften waren für Piraten eine höchst attraktive Beute. Um versklavte Seeleute freizukaufen, wurden in der Heimat Spenden gesammelt. Dabei wurden Holzfiguren herumgetragen, die in Ketten gelegte Kaufleute darstellten, um den Bürgern die missliche Lage der Gefangenen vor Augen zu führen.

Nina Holsten vom Gestaltungsbüro graphische werkstätten feldstraße ist stolz darauf, eine solche Original-Figur aus dem 17. Jahrhundert in der Ausstellung präsentieren zu können – eine Leihgabe des Museums für Bergedorf und die Vierlande. Die studierte Historikerin hat das Konzept der Ausstellung entwickelt und umgesetzt. „Manche Exponate verraten erst auf den zweiten Blick ihren Bezug zur Handelskammer“, so Holsten. „Unser Ziel war es, die abstrakten Themen, mit denen sich die Kammer in ihrer 342-jährigen Geschichte beschäftigt hat, für den Besucher anschaulich und interessant zu machen.“

Kein leichtes Unterfangen, denn die Geschichte des Hauses ist überwiegend durch „Flachware“ dokumentiert – Urkunden, Briefe, Protokolle. Spannend für Historiker, nicht aber für die Mehrzahl der Ausstellungsbesucher.

Holsten und ihre Kollegen ersannen deshalb kreative Lösungen: Eine Wanne voll Schlick steht für die Fahrrinnenanpassung der Elbe, und damit für zahlreiche Infrastrukturprojekte, die die Handelskammer vorantreibt. Ein Kaffeeservice aus Messing weist auf die sechs Auslandsvertretungen der Handelskammer hin – eine davon ist das Büro in Dubai, wo der „Qahwa“, arabischer Kaffee, zur traditionellen Begrüßungszeremonie gehört. Und der Bananen-Kalibrator, ein unscheinbares Gerät mit zwei verschiebbaren Metallspitzen, wurde erfunden, weil Bananen laut einer EG-Verordnung nur dann an den Verbraucher verkauft werden dürfen, wenn sie eine Länge von mindestens 14 Zentimetern und eine Dicke von 27 Millimetern aufweisen können. In der Ausstellung steht der Kalibrator für den Kampf der Handelskammer gegen Handelshemmnisse und bürokratische Hürden.

Wer beim Stichwort Ausstellung an Nadelfilz und abgedunkelte Räume denkt, wird angenehm überrascht sein. Transparenz und Leichtigkeit prägen die Gestaltung, die Beleuchtung basiert – wie im gesamten Haus – auf LED-Technik. „Beim Entwurf des Raumkonzepts und der Vitrinen haben wir intensiv mit den Architekten zusammengearbeitet und die architektonischen Vorgaben des Haus im Haus berücksichtigt“, sagt Holsten.

Sieben Themeninseln fassen Aufgaben und Selbstverständnis der Handelskammer zusammen und stellen Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. So setzte sich bereits die Commerzdeputation für die Schiffbarkeit der Elbe ein, indem sie die Holztonnen, die zur Markierung des Fahrwassers dienten, regelmäßig kontrollierte und 1838 eine eigene Elbtonne bei Schulau installierte. Heute engagiert sich die Handelskammer für den Fahrrinnenausbau von Unter- und Außenelbe.

Durch die gesamte Ausstellung ziehen sich Portraits von engagierten Kaufleuten. Sie verdeutlichen, wie wichtig die handelnden Personen für die Geschicke der Organisation waren und sind. Berendt Jacobsen Karpfanger, Kapitän des Konvoischiffs „Leopoldus Primus“, ist in dieser Reihe ebenso vertreten wie Martin Joseph Haller, der sich als Präses für eine Vereinfachung der Hamburger Handelsbräuche einsetzte. Auch Anette Gerke ist darunter, die erste Frau im Amt eines Vizepräses, sowie die Existenzgründerin Martina Olufs, die stellvertretend für die Vielzahl der kleinen und mittleren Mitgliedsunternehmen steht. Die Exponate und Texte werden ergänzt durch Filme über die Baugeschichte des Börsengebäudes und über den Börsenhandel von 1558 bis heute sowie durch eine Hörstation. Zu hören ist dort die „Symphonie zur Serenate auf die erste huntertjährige Jubelfeyer der Hamburgischen Löblichen Handlungs-Deputation“, die Georg Philipp Telemann anlässlich des Jubiläums der Commerzdeputation 1765 komponierte. Und auch ein Telefon gibt es in der Ausstellung – mit direktem Draht zum TeleInfoCenter, wo alle noch offenen Fragen beantwortet werden.

Sabine Lurtz
sabine.lurtz@hk24.de
Telefon 36 13 8 547

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juli 2007