Handelskammer Hamburg 2007

< zurück

Existenzgründerinnen

Das „Karo“ ist weiblich

Das Karolinenviertel zieht Kreative, Jungdesigner und Schneider magisch an. Mehr als 65 Geschäfte bieten mittlerweile Bekleidung und Accessoires an. Ein Drittel von ihnen führen junge Existenzgründerinnen.

Eine kleine Treppe führt hinab in den Laden von Inga Thomas. Dezent weist ein Logo mit der Aufschrift „it – Inga Thomas“ auf das Geschäft hin, das um 13 Uhr öffnet. Thomas stellt seit 2005 Schuhe mit verschiedenen hochwertigen Obermaterialien her. Auf Leder verzichtet sie bewusst. In ihrem Laden finden sich an einer Wand rund 20 verschiedene Schuhmodelle für Frauen aufgereiht: violette Satin-Pumps mit einem hohen Keilabsatz oder Stiefelletten in Schlammgrün. Die Preise weisen eine Spannbreite von 300 bis 500 Euro auf. An einer anderen Wand finden sich die Obermaterialien für die Schuhe, in einzelnen Rollen aufgehängt. Die Kundin kann Farbe, Riemchen, Schaftgröße und Absatzform wählen – solange der Schuh dies von der Statik mitmacht.

An diesem Mittag ist keine Kundin im Laden von Thomas, in der die Werkstatt integriert ist. „Bereits in der Schule hatte ich die Idee, mich selbstständig zu machen. Schon meine Familie väterlicherseits ist selbstständig gewesen“, sagt Thomas. Die Idee, Schuhe herzustellen, hatte sie mit Mitte zwanzig. Thomas entschied sich für eine teure Ausbildung am Istituto Ars Sutoria in Mailand. Dort erlernte sie unter anderem die Schnitttechnik. Mit 30 Jahren ging sie für ein Jahr nach London ans Cordwainers College, um die industrielle Fertigung von Schuhen genau zu erlernen. Eigentlich hatte sie nach ihrer kostspieligen Ausbildung bei einem Designer unterkommen wollen, um für diesen Schuhe zu entwerfen. Doch schnell erkannte sie, dass sie inzwischen ihren eigenen Stil gefunden hatte. Könnte sie sich nicht auch eine eigene Existenz aufbauen?

Thomas fing an, Bücher zum Thema Existenzgründung und Finanzierung zu wälzen, Informationen zur Gründung holte sie sich bei der Handelskammer. Für die Existenzgründung musste ein Businessplan her. Diesen zu schreiben, fiel ihr schwer, aber sie schaffte es. Der gesamte Prozess von der ersten Idee bis zur Abgabe des Antrags dauerte ein Jahr – fast zu lange: „Der Bescheid von der Lawaetz-Stiftung, ein Monat nach der Abgabe des Antrags, hätte nicht später kommen dürfen.“ Sie erhielt ein Darlehen aus dem Hamburger Kleinstkreditprogramm in Höhe von 12500 Euro. „Ich rate jeder Existenzgründerin, das Gespräch mit der Bank keinesfalls aufzuschieben, sondern möglichst rasch gemeinsam die Finanzierung zu klären.“ Als Standort für ihre Schuhmanufaktur wählte die besonnen wirkende Gründerin das Karolinenviertel im Stadtteil St. Pauli, wo auch eine Freundin ein Geschäft betreibt. Die Miete und der Standort direkt in der Marktstraße stimmten. „Mir ist es wichtig, erst klein anzufangen und sukzessive zu wachsen.“ Ein Problem hat sie jedoch: „Es ist schwer mit diesem hochpreisigen Sortiment in so einem Viertel zu sein.“ Thomas hat daher schon überlegt, einen anderen Standort in Hamburg zu wählen. Die Atmosphäre und das Umfeld würden ihr dann aber fehlen. Ihre „Kollegen“, wie sie liebevoll die Inhaber der anderen Geschäfte bezeichnet, sind ihr wichtig.

Sie sieht optimistisch in die Zukunft: „Ich verfolge meinen Traum, mit meinen handgenähten Schuhen in die industrielle Fertigung einzusteigen.“ Stolz und zuversichtlich kann die Gründerin auf jeden Fall sein: Die 38-Jährige hat Ende 2005 den Existenzgründerpreis der Hamburger Wirtschaftsjunioren erhalten. Rund 500 Meter von Thomas’ Schuhmanufaktur entfernt, in der Marktstraße, betreibt Stephanie Benner ein Einzelhandelsgeschäft. Bei Decoy finden Frau und Mann schicke Kleidungsstücke, Taschen und diverse Accessoires von jungen und auch etablierten Designern. Weiterhin bekommen die Kunden zum neuen Outfit auch einen Haarschnitt, wenn sie sich rechtzeitig anmelden. Benner steht hinter einem lichtdurchfluteten Tresen, der wie eine Bar mit Hockern gestaltet ist. Die Einrichtung ist in schlichtem, eleganten Weiß gehalten. Übersichtlich sind die Labels der einzelnen Designer angeordnet, an einer großen Wand prangt das Logo des Geschäftes, im Frisierstuhl bekommt gerade eine Mittdreißigerin einen neuen Haarschnitt verpasst. „Diese Art Mini-Kaufhaus mag ich, die gegenseitige Befruchtung ist sehr interessant.“ Damit beschreibt Benner das Konzept. Zusammen mit zwei jüngeren Designerinnen, Goldmarie und Tazuma, hat Benner das Geschäft Decoy gegründet. Die Jungdesignerinnen sind mit ihren eigenen Labels vertreten. Andere Newcomer verkauft Benner unter dem eigenen Label Sugarcube. Platz ist immer für neue Design-Produkte, die sie auf Kommissionsbasis in den Verkauf nimmt. Dabei wägt sie im Vorfeld ab, was leicht zu verkaufen und was ein Ladenhüter ist.

Benner hat einen bunten Lebenslauf: Sie hat eine Ausbildung abgebrochen, als Verkäuferin gejobbt und später bei Modefirmen sowie als Redakteurin gearbeitet. Sie hat für den Schritt in die Selbstständigkeit Firmenwagen, sicheres Einkommen und Urlaub aufgegeben. In der Handelskammer hat sie an einer Informationsveranstaltung zur Existenzgründung teilgenommen und ein Seminar zur Ich-AG belegt. Aus einer kurzen Arbeitslosigkeit heraus erhielt die vor Energie sprühende Brünette 2003 die Förderung zur Ich-AG. Daraufhin hat sie zuerst ein Geschäft im Schanzenviertel eröffnet. Das Konzept entstand, während Benner Zeit und Geld in die Renovierung des Ladens steckte. „Schritt für Schritt habe ich meine Idee verwirklicht, ein Konzept hatte ich jedoch nicht“, gesteht sie. Die Förderung über die Ich-AG deckte nur den privaten Bedarf. Das Startkapital hat sie aus eigenen Ersparnissen und von Familie und Bekannten zusammengekratzt. Der Umzug ins Karolinenviertel im Sommer 2005 war wieder mit Kosten und mit Einbußen bei der Laufkundschaft verbunden. Aber genau der Standort sollte es sein, inmitten von Kreativen, Jungdesignern und Schneidern. Immerhin gibt es im Karolinenviertel mehr als 65 Geschäfte, die Bekleidung und Accessoires verkaufen. Man kennt sich im Quartier und duzt sich. Steffi aus dem Laden gegenüber oder auch Anna von nebenan, alles Gründerinnen in der Marktstraße. Momentan haben sowohl Benner als auch Thomas eine Durststrecke zu überwinden. Es sind zu wenige Kunden im Quartier. „Ich glaube an das Viertel. Wenn die Sanierung durch ist und der Messebau abgeschlossen ist, kommen die Leute wieder“, sagt Benner überzeugt. Sie freut sich über ihre Stammkunden, von denen sie Lob für ihr pfiffiges und originelles Angebot bekommt. „Der persönliche Schnack mit den Leuten tut gut, dann weiß ich auch wofür ich das gemacht habe. Emotional stimmt es jetzt und ich würde meine Entscheidung nicht rückgängig machen.“

Bettina Sulicki
bettina.sulicki@hk24.de
Telefon 36 13 8 788

Infos

Frauen gründen anders

70 Prozent aller Unternehmerinnen gründen einen Ein-Frau-Betrieb – während nur 58 Prozent der Männer alleine eine Existenz aufbauen. Wenn Frauen ein Unternehmen gründen, dann wägen sie die Risiken genau ab. Deshalb starten sie oft auch mit einer geringeren Kapitaldecke. Dennoch brechen sie ihr Gründungsvorhaben seltener ab als ihre männlichen Kollegen. Insgesamt stellen Frauen „nur“ 38 Prozent aller Existenzgründer. Die Beratungsangebote der Handelskammer, wie die Info-Tage zur Existenzgründung, verzeichnen einen steigenden Zulauf von Frauen. 2006 beispielsweise stellten sie bei den Veranstaltungen einen Anteil von rund 50 Prozent. Vielfältige Hilfe bietet beispielsweise auch der Gründerinnentag der bundesweiten gründerinnenagentur (bga), der am 14. April zwischen 10 und 17.15 Uhr in der Handelskammer Hamburg stattfindet. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro. Anmeldung bitte bis 11. April an Gila Otto, Tel. 450 20 90,
bga@frau-und-arbeit.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2007