
Im Jahr 2002 entschloss sich die Inhaberfamilie der Hamburger Norddeutschen Vertriebs Gesellschaft mbH (NFV), das Unternehmen zu verkaufen. Die NFV stellt Filter, Abscheider und Koaleszenz-Elemente für die Trennung von Öl-Wassergemischen her, wie sie sich beispielsweise in Schiffsrümpfen ansammeln. Das Patentportfolio bestand aus zehn Patentfamilien, die große Bedeutung für das Unternehmen hatten. Um deren finanziellen Wert zu ermitteln, wandte sich der Geschäftsführende Gesellschafter, Eberhard Runge, an das Innovations- und Patent-Centrum der Handelskammer (IPC). Das IPC sah sich erstmals mit der komplexen Frage konfrontiert, wie geistiges Eigentum in Form von Patenten bewertet werden könne.
Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, entwickelte das IPC eine Bewertungsmethode. Die Patente wurden auf einer Skala von eins (sehr gut) bis sechs (unbefriedigend) bezüglich technischer und rechtlicher Aspekte, Marktpotenzial sowie unternehmensinterner Aspekte bewertet. Die Bewertung der zehn NFV-Patentfamilien wurde in einem rund 100-seitigen Bericht zusammengefasst, in welchem die Vorgehensweise nachvollziehbar erklärt wurde.
Die Verhandlungspartner der NFV beurteilten die Patentportfolio-Bewertung als gut strukturiert und auch für Nicht-Patentfachleute verständlich und nachvollziehbar, sagt Eberhard Runge. So war der Bericht schließlich auch entscheidungsrelevant für den Kauf des Unternehmens durch den Mahle-Konzern, dessen Bereich industrielle Filtration optimal durch die Produkte ergänzt wurde. Das Patentportfolio wurde als eigenes Paket verkauft und verhalf zudem der NFV zu einem größeren Gewicht innerhalb des Mahle-Konzerns.
Die Bewertung beeinflusste auch die Gesamtbewertung des Unternehmens durch unsere Hausbank positiv, freut sich Runge.
Das wichtigste Ziel eine Sensibilisierung von Banken und Investoren für den Wert von geistigem Eigentum war erreicht worden. Der Aufwand für die Bewertung war jedoch verhältnismäßig groß. Das IPC entwickelte daher zwei Instrumente, welche die Bewertung von Portfolios auch größerer mit geringerem Aufwand ermöglichten.
Insbesondere das Marktportfolio wurde mit den Hamburger Unternehmen Weinmann und Plath getestet. Die Weinmann GmbH & Co. KG ist ein mittelständisches Unternehmen mit rund 400 Mitarbeitern, das Geräte für die Schlaf-, Sauerstoff- und Notfallmedizin herstellt. Die ebenfalls mittelständische Plath GmbH mit 170 Mitarbeitern ist Entwickler von technologischen Lösungen für die Peilung, Ortung und Aufklärung elektromagnetischer Wellen.
Das Marktportfolio wurde sowohl an den 27 Patentfamilien der Firma Weinmann als auch an den zwölf Patentfamilien der Firma Plath getestet. Die Patentfamilien wurden hinsichtlich des marktdefinierten Wertes sowie des unternehmensdefinierten Wertes in den vier Quadranten des Portfolios positioniert. Der unternehmensdefinierte Wert beinhaltet unter anderem Kennzahlen zum Umsatz, Deckungsbeitrag und zu den Forschung- und Entwicklungskosten. Der marktdefinierte Wert errechnet sich aus Kennzahlen zur Marktabdeckung, technologischen Breite und geografischen Streuung.
Die Unternehmen Weinmann und Plath zogen unterschiedlichen Nutzen aus der Bewertung. Gemeinsam war beiden, dass verschiedene Bereiche ihrer Unternehmen für die Ermittlung von Daten zusammenarbeiten mussten. Dabei kam auch zutage, wo Informationsdefizite bestanden und Abläufe besser organisiert werden konnten.
Aus der Positionierung der Patente in den Portfolios konnten konkrete Strategien abgeleitet werden. Für Weinmann war insbesondere die Bewertung sogenannter Sperrpatente wichtig, welche nicht zum Umsatz beitragen, aber den Handlungsspielraum der Wettbewerber einschränken sollen. Je höher der marktdefinierte Wert der Patente ist, desto größer ist deren Sperrwirkung. Auch Patente mit hohem Marktwert und niedrigem unternehmensdefinierten Wert waren von hohem Interesse. Das Unternehmen dachte nun auch über bislang wenig beachtete Handlungsstrategien nach, wie den Verkauf an einen Patentfonds.
Plath nahm die Portfolio-Bewertung zum Anlass, Vorgehensweisen bezüglich Anmelden, Halten oder Aufgeben von Patenten neu zu überdenken. So wurde zwar aus Gründen der Mitarbeitermotivation daran festgehalten, für möglichst viele Entwicklungen Schutzrechte anzumelden. Im Falle eines niedrigen marktdefinierten Wertes sollen diese Rechte zukünftig jedoch direkt nach der Anmeldung dem Erfinder freigegeben werden.
Patentfamilien mit hohen Unternehmenswerten- und hohen marktdefinierten Werten wurden bei Plath eingehend analysiert und führten zu der Erkenntnis, dass sie Wettbewerber entscheidend behinderten. Nun überlegt das Unternehmen, wie diese Wirkung am besten strategisch eingesetzt werden kann. Mit Patenten mit hohem marktdefinierten und niedrigem unternehmensdefinierten Wert konnte bereits der Aufbau eines neuen Geschäftsfeldes im Bereich Satellitennavigation begonnen werden.
Die Bewertungsinstrumente zeigten den Unternehmen somit konkrete Wege auf, ein effizientes Patentmanagement in Angriff zu nehmen. Weiterentwicklungen der Patentportfolio-Bewertung sind bereits auf den Weg gebracht. Dazu zählen regelmäßige Bewertungen als Monitoring sowie zur Erstellung von Wettbewerberportfolios.