Handelskammer Hamburg 2007

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Interview: Matthias Onken

„Kannibalisierungseffekte sind gering“

Die traditionsreiche Hamburger Morgenpost hat turbulente Zeiten hinter sich. Chefredakteur Matthias Onken, 34, über Finanzinvestoren, Konkurrenzblätter und die Herausforderung durch die Online-Medien.

hamburger wirtschaft: Sie sind jetzt ein Jahr Chefredakteur. Was hat sich unter dem neuen Verleger, der fast zeitgleich einstieg, bei der Mopo verändert?

Matthias Onken: Wenn ich mir ansehe, was einige traditionelle deutsche Verlage ihren Mitarbeitern und Titeln antun, bin ich über die Entwicklungen bei der Mopo sehr glücklich. Es gab keine Entlassungen, kein Outsourcing, keinen Raubbau am ohnehin übersichtlichen Budget. Fakt ist, dass Projekte wie unsere Sonntagsausgabe oder die bevorstehende Modernisierung unseres veralteten Redaktionssystems nur möglich sind, weil wir als mittelständisches Unternehmen nicht mehr „stand alone“ stehen, sondern Teil eines europaweit agierenden Medienkonzerns geworden sind.

hw: Wie haben sich Ihre Umsätze und Auflagenzahlen entwickelt?

Onken: Unsere Auflage legt bereits im siebten Quartal in Folge als einzige im Wirtschaftsgroßraum Hamburg erscheinende Zeitung zu – und das in der „harten Währung“ der Branche, im Einzelverkauf am Kiosk. Drei Prozent und mehr gewinnen wir pro Woche dazu. Ich bin wirklich sehr stolz darauf, diesen konstanten Erfolg mit meinem unglaublich engagierten Team erreicht zu haben. Das konsequente Arbeiten an der inhaltlichen und optischen Blattstruktur zahlt sich aus. Die Mopo ist ehrlich, frisch und nutzwertig, das mögen die Menschen. Auch wirtschaftlich läuft es gut, beispielhaft dafür ist die Erfolgsstory unserer Sonntagszeitung.

hw: Das Abendblatt hat seine Sonntagsausgabe inzwischen wieder eingestellt. Wie sind die Perspektiven der Mopo am Sonntag?

Onken: Bestens. Die kurzfristige Einstellung des in offenbar nervöser Betriebsamkeit als „Abwehrprodukt“ deklarierten Mopo-Verschnitts sorgte in unserer Redaktion für ein David-gegen-Goliath-Siegesgefühl. Seit November ist unsere Auflage von 30000 auf derzeit 40000 kontinuierlich gewachsen. Dazu gratulieren mir bemerkenswerter Weise auch Menschen, zwischen die und unseren Mitbewerber zumindest in der Öffentlichkeit kein Blatt Papier zu passen scheint. Das passt zum Leserecho, das überaus positiv ist. David Montgomery hat uns grünes Licht gegeben, das Projekt fortzusetzen. Der Verlag ist davon überzeugt, dass sich auch die positive wirtschaftliche Entwicklung fortsetzt.

hw: Sehen Sie die rasch wachsenden Online-Medien als Gefahr oder Chance für Ihre Zeitung?

Onken: Die Aufregung rund um das Thema Online halte ich für übertrieben, vermutlich liegt das an den massiven Auflagenverlusten der meisten Zeitungen. Wenn uns eine für den Leser noch komfortablere Verzahnung von Mopo und mopo.de gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg. Die Kannibalisierungseffekte sind gering. Nach dem Platzen der Blase „Neue Medien“ haben viele Verlage ihre Netz-Aktivitäten massiv zurückgefahren. Jetzt spürt die Branche, dass dies der falsche Weg ist. Die Lösung wird auch hier der Mittelweg sein.

hw: Was bedeutet der BILD-Umzug nach Berlin für die Mopo?

Onken: Für mich selbst den Abschied von einigen geschätzten Kollegen. Für die Mopo insgesamt hat der Umzug keine nennenswerte Bedeutung, außer vielleicht, dass der große Unmut vieler Mitarbeiter über die Zwangsumsiedlung uns noch den einen oder anderen Artikel bescheren wird. Die Entscheidung hat hoffentlich all jenen die Augen geöffnet, die der Nibelungentreue des Mitbewerbers zum Beustschen Hamburg gehörig auf den Leim gegangen sind.

hw: Könnten sich die Synergien mit dem Berliner Kurier negativ auf die Stamm-Redaktion der Mopo in Hamburg auswirken?

Onken: Dafür gibt es keine Anzeichen, da die redaktionellen Synergien keine Einbahnstraße mit Fahrtrichtung Berlin-Hamburg sind. Die Kollegen übernehmen von uns beispielsweise unsere wöchentliche Technik-Beilage „Digatrend“, wir nutzen das in Berlin produzierte Vermischte. Wir kooperieren dort, wo es Schnittmengen gibt – nicht, um Personal zu streichen, sondern um die Mitarbeiter für den Ausbau unserer Marke effizienter einzusetzen. Beispielsweise in der Produktion der Mopo am Sonntag. Niemand im Verlag hat ein Interesse daran, das Produkt zu schwächen. Im Gegenteil.

Jörn Arfs
joern.arfs@hk24.de
Telefon 36 13 8 301

Infos und Kontakte

Die Morgenpost wurde 1949 als Boulevard-Tageszeitung von der Hamburger SPD gegründet. Nach mehreren weiteren Eigentümern übernahmen Anfang 2006 die britische Investorengruppe Veronis Suhler Stevenson International Ltd. (VSS) und David Montgomerys Mecom Group das Traditionsblatt. Die Mopo ist seitdem Teil der Berliner Verlag Deutsche Zeitungsholding, zu der auch der Berliner Kurier gehört. In diesem Frühjahr kaufte Montgomery (bisher 15 Prozent) die Anteile von VSS (75 Prozent) und der weiteren Gesellschafter. Die BV Deutsche Zeitungsholding gehört jetzt vollumfänglich zu Mecom – ein wachsender Medienkonzern, der europaweit mit Schwerpunkt Skandinavien agiert.

Seit dem 5. November 2006 erscheint eine Mopo-Sonntagsausgabe, für die allerdings kein zusätzliches Personal eingestellt wurde.

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2007