
Die Aufgabe scheint lächerlich einfach. Der Araberschimmel Sayaan soll an einigen Pylonen entlang und über eine 20 Zentimeter hohe Hürde geführt werden. Kein Problem. Sayaan folgt mir bereitwillig und trottet um die orangen Hütchen. Der kleine Parcours in der Reithalle des Meyerhofs im niedersächsischen Asendorf ist Teil eines Seminars, das der Bildungsservice der Handelskammer, die HKBiS, erstmalig anbietet. Klarheit, Entschlossenheit und Gelassenheit sowie Präsenz, natürliche Autorität und Führungsqualität lauten die Ziele. Manager und andere Führungskräfte sollen unter dem Motto Führungsstärke, Pferdestärke sich selbst und ihre Wirkung auf die Mitarbeiter besser kennenlernen.
Unter dem Firmennamen Zentaurus Persönlichkeitstraining mit Pferden bietet Bettina Städter zusammen mit Telse Hansen seit drei Jahren verschiedene Seminare für Firmen und Einzelpersonen an. Diplom-Kommunikationswirtin Städter leitete 13 Jahre lang eine eigene Werbeagentur und hat sich mit einer Zusatzausbildung auf die Arbeit mit Pferden spezialisiert. Die diplomierte Sozialpädagogin Telse Hansen betreibt eine Coaching-Agentur, die Führungskräfte und Selbstständige betreut. Im Zentrum der Zentaurus-Seminare steht immer die Begegnung mit dem Huftier.
Wir erleben in den Seminaren häufig, dass Menschen ein ganz anderes Selbstbild haben, als sie es uns hier präsentieren, sagt Hansen. Herrscht im Kopf einer Führungskraft aber nicht wirklich Klarheit über die eigenen Ziele und Potenziale, werden die Mitarbeiter nicht hinter ihr stehen. Von den Pferden komme eine unmittelbare Rückmeldung. Wer seinen Führungsanspruch nicht überzeugend darstellen könne, würde von den Tieren einfach nicht akzeptiert. Sayaan weiß nicht, welche Karriere man hinter sich hat, welches Auto man fährt oder welche Position man hat. Menschen lassen sich von solchen Dingen ablenken, führt Städter fort. Für das Pferd zählt nur die Persönlichkeit, nicht das Drumherum. In den Seminaren ließen sich problematische Alltagssituationen sehr gut abbilden. Oft seien Verhaltensweisen so verinnerlicht und automatisiert, dass man sich ihrer gar nicht bewusst sei.
Auf Anregung der Seminarleiterin führe ich nun den Araberschimmel an einer längeren Leine. Das klappt überraschend gut. Das Tier sucht von allein meine Nähe, wir verstehen uns prächtig bis drei andere Pferde am Eingang der Reithalle auftauchen und das Geschehen freundlich beäugen. Das findet Sayaan interessanter als den Hütchen- Slalom. Nach einigen Minuten können wir unseren Gang aber zu Ende führen.
Und wie war ich? Die beiden Expertinnen beginnen mit der Analyse meiner kleinen Darbietung. Die ist ernüchternd. Sie hatten eigentlich nur kurz die Oberhand. Tatsächlich haben nicht Sie das Pferd, sondern das Pferd Sie geführt. Es hat Sie angetrieben. Sayaan war das Leittier, nicht Ihr Mitarbeiter, erklärt Städter ruhig. Als es durch die anderen Pferde abgelenkt war, haben auch Sie den Fokus auf Ihre Aufgabe verloren. Als Chef hätte ich die unangefochtene Führung durchsetzen und meinen Mitarbeiter motivieren müssen, mit der Aufmerksamkeit bei mir zu bleiben. Wo habe ich nur meinen Kopf gehabt?
Dabei hatte mich Telse Hansen doch in einem Vorgespräch auf die Arbeit mit dem Pferd vorbereitet. In so einem Gespräch fordert Hansen dazu auf, sich an ein früheres berufliches Erfolgserlebnis zu erinnern. Man muss seine Vorgaben in der Situation auch halten. Es kann reichen, sie sich einfach noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, sagt Hansen. Wir setzen zur Verstärkung aber auch Techniken des Mentaltrainings ein, vor allem Coaching-Methoden aus dem Sport-Hochleistungsbereich. Auch das Aufspüren innerer Blockaden spiele eine große Rolle. Diese Blockaden kommen auf verschiedenen Ebenen vor. Das Wertesystem spielt eine Rolle: Was ist mir wichtig? Verkaufe ich etwas, hinter dem ich eigentlich gar nicht stehe? Auch sei wichtig, welches Selbstwertgefühl der Teilnehmer habe. Man habe immer wieder mit Personen zu tun, sagt Hansen, die insgeheim an sich zweifeln, obwohl sie für ihre Arbeit viel positive Rückmeldung bekommen. Da kommen dann im Seminar auch manchmal die Tränen, wenn einem das unbestechliche Pferd gegen die eigene Überzeugung gute Führungseigenschaften bestätigt, sagt Städter. Über Pferdeseminare wird etwa seit einem Jahr in den Fachzeitschriften geschrieben, erklärt Holger Höhr von der HKBiS. Er hat die Seminare nach umfassender Recherche und Gespräch mit Städter ins Programm gehoben. Wir finden solche Veranstaltungen zwar recht exotisch, sind aber der Meinung, dass man im Bereich der Persönlichkeitsbildung auch mal andere Wege gehen muss, um die Leute anzusprechen. Es sei ein Trend, so Höhr, Bildung und Weiterbildung mit Erlebniselementen aufzuwerten. Herkömmlicher Flipchart-Unterricht verliere allmählich an Attraktivität. Darum haben wir Frau Städter den Auftrag gegeben, zwei Pferdeseminare für uns auszurichten, schließt Höhr. Es ist ein Versuch.
Der Markt für Training mit Pferden werde immer größer, betont die Trainerin. Die Unternehmen forderten Seminare, die auf emotionale Art ansprächen, weil dies bei den Teilnehmern einen tieferen Eindruck hinterlasse als herkömmlicher Unterricht. Am Anfang begegnete man unseren Konzepten noch mit großer Zurückhaltung, erinnert sich Städter. Sie wurden manchmal auch als ‚Ponyreiten für Manager’ belächelt. Diese Zeiten sind aber vorbei.
Sayaan wiehert in seiner Box. Ich habe keinen Zweifel, dass das Zustimmung bedeutet. Für den Co-Trainer mit vier Hufen ist jetzt Feierabend. Er genießt die Belohnung, die Bettina Städter für ihn bereit hält: Karotten.
Termine: Pferdestärke Führungsstärke: Klarheit, Entschlossenheit und Gelassenheit, 10. und 11. Mai und Pferdestärke Führungsstärke: Präsenz, natürliche Autorität und Führungsqualität, 29. und 30. August, Kosten: jeweils 580 Euro.
Informationen und Buchung: daniela.gruenewald@hk24.de, Telefon 36 13 8 486