
Mit großen Vorhaben hat Bauinvestor Dieter Becken einige Erfahrung. Doch Berliner Tor Center, Doppel-X-Haus oder DeichtorCenter zum Trotz dieses Projekt ist auch für ihn etwas Neues: Erstmals plant er eine Immobilie, die nicht nur Gewerberaum und Wohnfläche, sondern gleichzeitig auch ein Verkehrsweg werden soll: Die Living Bridge. Eine 700 Meter lange Brücke, die ab dem Jahr 2009 die HafenCity mit dem Kleinen Grasbrook verbinden soll: eine Straßenebene, darüber eine Geschäfts- und Einkaufsebene sowie weitere vier Ebenen mit 1000 Wohnungen. Das bekannteste noch existierende Vorbild für das Projekt von Becken und Architekt Hadi Teherani, die Ponte Vecchio in Florenz, stammt immerhin schon aus dem 14. Jahrhundert.
Überflüssig und schädlich, meinte dazu jüngst in einem Zeitungsinterview Frank-Pieter Hesse, Leiter des Amtes für Denkmalschutz. Das Projekt sei der megalomanen Laune eines Investors entsprungen. Eine Kritik, auf die Becken mit einer Mischung aus Belustigung und Verärgerung reagiert. Megaloman das Wort kannte ich bis dahin noch gar nicht, stichelt er. Für ihn ist die Brücke mehr als ein Teil der HafenCity: Ich sehe das als Erweiterung der Innenstadt. Hamburg wird weiter wachsen, und zwar über die Elbe. Dort gibt es auch ein natürlich gewachsenes Hinterland und gewachsene Quartiere. Die schließen wir jetzt an die Stadt an.
Denkmalschützer Hesse, so Becken, sollte dringend mal die Wilhelmsburger oder die Menschen auf der Veddel oder in Harburg fragen, wie sie dieses Brückenprojekt finden. Zudem sei die Erweiterung Richtung Süden beschlossene Sache. Ich kann mir vorstellen, dass ein Senat irgendwann mal sagt: Das wollen wir nicht. Aber der Chef der Denkmalschutzbehörde sollte sich aus diesen Entscheidungsfindungen heraushalten.
Probleme wegen unterschiedlicher sozialer Strukturen in den neu miteinander verbundenen Stadtteilen sieht Becken nicht. Die Strukturen in Wilhelmsburg und Veddel sind gewachsen. Wenn ich sie mit der HafenCity zusammenbringen kann, dann habe ich zumindest schon mal den Anfang einer sozialen Durchmischung, wie Architekten und Stadtplaner sie fordern. Und nur ein durchmischtes Gebiet hat Leben, da spielt sich was ab.
Auch darum sollen die Mietkosten nicht mehr als zehn Euro pro Quadratmeter betragen, möglich seien sogar Mieten ab acht Euro, sagt Becken: Wohnungen, die zur Elbe und Richtung Stadt ausgerichtet sind, werden dabei sicherlich etwas teurer werden als die, die Richtung Elbbrücken ausgerichtet sind, und Wohnung im unteren Bereich etwas günstiger als Wohnungen in den Obergeschossen. Für Eigentumswohnungen kalkuliert Becken mit Kaufpreisen zwischen 3000 und 3500 Euro pro Quadratmeter Das kann sich auch jemand leisten, der kein Spitzenverdiener ist. Die Einordnung des Projekts als Wahrzei-chen käme ohnehin von außen, so Becken: Ich habe schon 1999 eine einfache Brücke über die Elbe vorgeschlagen, auch mit Hadi Teherani zusammen. Aber es war unheimlich schwer, solch eine Brücke zu bauen, in einer Zeit, in der die Kassen des Staates leer sind. Also haben wir überlegt, wie wir eine Brücke bauen können, die den Senat nichts kostet: Wir bauen eine Brücken-Konstruktion, und bauen oben etwas drauf, was letztendlich die Unterkonstruktion bezahlt. Wir hatten gar nicht die Idee, ein weiteres monumentales Gebäude zu errichten.
Und überhaupt: Nur wer wie Hadi Teherani den Drang, besondere Projekte zu entwickeln, besitze, fahre dafür die Ernte in Form von einer ganzen Reihe von Architektur- Auszeichnungen ein. Das hat er dadurch erreicht, dass er architektonische Gesten ausführt und auch ein ganz klein wenig visionär ist und und ich finde das positiv auch mal übers Ziel hinausschießt.
Übers Ziel hinausgeschossen ist auch Becken selbst mit der ursprünglichen Einschätzung, bis wann die Finanzierung der Brücke abschließend geklärt sei. Die frühere Aussage, bis April oder Mai einen Finanzpartner gefunden zu haben, sei sehr optimistisch gewesen, räumt Becken ein. Wir suchen Banken als Partner. Und da sind sehr viele Entscheidungsgremien, die damit befasst werden müssen. Zudem setze man auf Langfristigkeit, auf Partner, mit denen wir dieses Projekt auch durchziehen. Inzwischen sei man aber in Endgesprächen, so Becken: Mein Traum wäre ein Abschluss vor der Sommerpause. Es kann aber auch nach dem Sommer werden.
370 Millionen Euro soll die Brücke kosten. Eine normale, sprich: unbewohnte, Brücke würde die Stadt rund 100 Millionen Euro kos-ten, der Wert der von der Stadt zu stellenden Grundstücke, läge deutlich niedriger, so Becken. Noch hat sich die Stadt nicht abschließend geäußert. Sie muss den Senat befragen, sich beraten und eine Meinung bilden, aber ich würde sagen: die Stimmung ist positiv. Schließlich finde auf der anderen Seite der Elbe auch die Bundesgartenschau 2013 statt: Die bleibt dauerhaft. Und noch wichtiger: 2020 sollen die Olympischen Spiele in Hamburg stattfinden, und auf dem Kleinen Grasbrook wird der größte Teil der Sportstätten entstehen. Das geht ohne Brücke nicht. Auch für andere Bereiche der Stadt, könnte sich Dieter Becken Living Bridges vorstellen wenn auch nicht über Wasser. So könne der Charakter der Willy-Brandt-Straße verändert werden. Das ist ja eine künstliche Straße, die von den Stadtplanern hineingeschlagen wurde, und Hamburg vom Wasser abtrennt.
Eine Untertunnelung sei zu teuer, sagt Becken, aber vielleicht reicht es aus, wenn man an zwei, oder drei Stellen die Straße tiefer legt und oben eine 60 Meter breite Brücke baut. In der Mitte stellt man eine alte Straße wieder hin, und flankiert sie links und rechts mit Wohnungen. Die Brandstwiete oder der Burstah böten sich dafür an. Selbst realisieren will Becken diese Ideen in absehbarer Zeit jedoch nicht: Wenn man zu viel Ideen produziert, wird man unglaubwürdig.