Handelskammer Hamburg 2007

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H und R Ölwerke Schindler GmbH

Im Ölrausch

Die Ölwerke Schindler nahe der Köhlbrandbrücke gibt es schon seit 100 Jahren. Die kleine Raffinerie schafft es, sich mit Spezialprodukten gegen die große Konkurrenz zu behaupten.

Eigentlich wären wir tot“, sagt Harald Baumgart. Wir – das ist die traditionsreiche H und R Ölwerke Schindler GmbH. Die Raffinerie in Neuhof nahe der Köhlbrandbrücke stellt aus den Rückständen, die bei der Diesel- und Benzinproduktion entstehen, Schmierstoffe her. Etwa 30 Prozent des Rückstandes können die Mitarbeiter umwandeln, 70 Prozent bleiben als Reststoffe übrig. „Es gibt genügend Raffinerien, die mit neueren Verfahren bis zu 60 Prozent Schmierstoffe von besserer Qualität aus den Rückständen gewinnen“, so Harald Baumgart. Der Geschäftsführer der Ölwerke hat Recht: Eigentlich wäre das Unternehmen tot. Aber nur eigentlich.

Damit sich die Raffinerie am Markt behaupten kann, konzentrieren sich die Ölwerke nicht auf die Schmierstoffe, sondern auf spezielle Nischenprodukte, die aus den verbleibenden 70 Prozent Reststoffe gewonnen werden. „Wir sind sozusagen ein Spezialitätengeschäft“, sagt Harald Baumgart. Die über 200 Mitarbeiter der Firma versuchen, möglichst viel von den Reststoffen für die hochwertvollen Produkte zu gewinnen. Zu diesen wertvollen Produkten zählen auch die sogenannten Weichmacher, die zum Beispiel bei der Reifenherstellung verwendet werden. Diese Stoffe sorgen dafür, dass die Reifen beim Bremsen genug Grip haben. Einen Nachteil haben die Weichmacher: Sie sind krebserregend. „Ab 2010 müssen die Weichmacher mit dem Totenkopfzeichen für giftige Stoffe gekennzeichnet werden“, erklärt Harald Baumgart. Für viele Raffinerien ein Problem, doch nicht für die Ölwerke. Sie sind der Konkurrenz einen großen Schritt voraus: Dank eines besonderen Verfahrens können die Mitarbeiter weniger gefährliche, also kennzeichnungsfreie Weichmacher produzieren. „Auf diesem Gebiet sind wir Weltmarktführer, wir haben einen Anteil von 60 Prozent“, sagt Harald Baumgart. Deutschlandweit sind die Ölwerke mit Weißölen, die unter anderem in der Kosmetibranche zum Einsatz kommen, auf Platz eins. Auch die Paraffine für Kerzen oder die Feindestillate für Druckfarbenöle können sich am Markt behaupten. Das Sortiment der Raffinerie umfasst mehr als 800 verschiedene Produkte, über 100 unterschiedliche Industrien beliefert die Raffinerie. Doch erst seit wenigen Jahren sind die Ölwerke wieder so erfolgreich. 1951 übernahm der britische Ölmulti BP das 1908 von Julius Schindler gegründete Unternehmen. Mit BP waren die Zahlen am Ende des Jahres meist bei Null.

Zuletzt hatte BP kaum noch in die Ölwerke investiert, obwohl dies dringend nötig war. Die Hamburger Firma passte einfach nicht mehr in das Kerngeschäft von BP. 2004 trennte sich das britische Unternehmen von dem Werk und verkaufte an die H und R Wasag AG. „Ein Glücksfall für uns“, so Baumgart. Schon wenige Tage nach dem Verkauf hatte der Geschäftsführer das Geld für die dringend nötigen Investitionen zur Verfügung. Vier Jahre später schreiben die Ölwerke wieder deutlich schwarze Zahlen. „Mit dem neuen Besitzer konnten wir uns auf unsere Traditionen besinnen. Schon Julius Schindler hatte damals mit dem Weißöl hochwertige Spezialprodukte im Angebot“, sagt Harald Baumgart.

2008 feiern die Ölwerke ihren 100-jährigen Geburtstag. Zum Jubiläum ist extra eine Chronik erschienen. 100 Jahre Ölwerke Schindler – eine Tatsache, auf der sich Harald Baumgart keinesfalls ausruhen will. Zwar ist er überzeugt, dass er mit den Nischenprodukten noch die nächsten zehn Jahre erfolgreich sein wird, trotzdem denkt der Geschäftsführer weiter. „Wir basteln schon an den nächsten Projekten, mit denen wir unser Spezialitätengeschäft weiter ausbauen können.“

Antje Tatter
antje.tatter@hk24.de
Telefon 36 13 8 396

hamburger wirtschaft, Ausgabe Dezember 2008