Handelskammer Hamburg 2008

< zurück

Einstiegsqualifizierung

Liebe auf den zweiten Blick

Jugendliche mit schlechten Schulleistungen finden im ersten Anlauf oft nur schwer eine Lehrstelle. Nachvermittlung und Einstiegsqualifizierung sollen sie fit für die Ausbildung machen. Der 17-jährige Nils Herforth hat wie viele andere Jugendliche seine Chance genutzt und startet nun voll durch.

Bei der Jagd nach einem Ausbildungsplatz zum Bürokaufmann war Nils Herforth nicht erfolgreich, obwohl er sich schon lange vor seinem Schulabschluss um eine Lehrstelle bemüht hatte. „Mein Zeugnis ist schlechter als meine eigentliche Qualifikation und spiegelt wenig von dem wieder, was eigentlich in mir steckt“, erklärt der junge Mann. Er sei eher ein Praktiker als ein Theoretiker, beschreibt der 17-Jährige seine Situation.

Doch Nils Herforth ließ nach seinen ersten Misserfolgen nicht locker und meldete sich bei der Agentur für Arbeit ausbildungsplatzsuchend. Die Nachvermittlungsaktion der Hamburger Kammern und der Agentur für Arbeit war für ihn der Rettungsanker. Aufgrund seiner schlechten Schulnoten hatte er kaum die Chance auf einen Ausbildungsplatz, doch die Beraterin schlug ihm eine Einstiegsqualifizierung (EQ) vor. „Ich war so glücklich, als ich von dieser Möglichkeit hörte“, erinnert er sich. In der Schule habe er darüber nie etwas gehört. „Die Aussicht in meinem Traumjob zu arbeiten und dafür auch noch Geld und die große Chance auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen, war mehr, als ich mir erhofft hatte“, freut sich Nils Herforth.

Gleich nach der Nachvermittlung bekam er einen Termin beim Verein Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft. Der Verein wird gemeinsam von Handels- und Handwerkskammer und der Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein geführt. Diese Organisation betreut Jugendliche und Betriebe während der EQs.

Über den Verein erhielt Niels Herforth die Kontakte zu fünf Unternehmen, die eine EQ im Büromodul anbieten, bei denen er sich sofort bewarb. Danach ging alles sehr schnell: Als Hartmut Zehrer, Geschäftsführer der Firma Protektor, die Bewerbung von Nils Herforth auf dem Tisch hatte, war er gleich angetan. „Ich habe die Unterlagen meinen Mitarbeitern vorgestellt, und die haben ganz spontan entschlossen, es mit Herrn Herforth zu probieren“, so Zehrer. Die Persönlichkeit des Jungen habe sofort alle überzeugt und man denke nun auch darüber nach, ihn in ein Ausbildungsverhältnis zu übernehmen. Und Herforth? Er ist froh über diese Chance. Aber nicht nur er. „Ich freue mich wirklich, dass es so gut läuft“, sagt Beate Walter vom Verein Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft. Sie betreut Nils Herforth und viele andere Jugendliche, die sich im Anschluss an die Nachvermittlungsaktion oder von allein beim Verein gemeldet haben.

Sie alle haben es aus verschiedenen Gründen nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu finden. „Durch Misserfolge und Ablehnungen sind viele Jugendliche mental ganz unten angekommen und können sich in Bewerbungsgesprächen nicht mehr gut verkaufen“, erklärt Beate Walter die Situation vieler ihrer Schützlinge. „Während einer EQ können sich beide Seiten in Ruhe kennen lernen – die Jugendlichen können sich ohne Druck entfalten und zeigen, was in ihnen steckt“, so Walter weiter. „Gerade die Zeit im Betrieb ist wichtig, denn viele Jugendliche sind einfach schulmüde und brennen darauf, endlich etwas Praktisches zu machen. Dann können sie sich jenseits von Schulnoten beweisen“, weiß Walter aus Erfahrung. Deshalb sei die EQ eigentlich viel erfolgversprechender im Hinblick auf einen späteren Übergang in die Ausbildung, als schulische Qualifizierungen. Die Übergangsquote von EQ in Ausbildung liegt bei rund 80 Prozent. Für Betriebe entsteht nur auf den ersten Blick ein höherer Betreuungsaufwand. „Wenn beide Seiten sich Mühe geben, wird es oft eine Liebe auf den zweiten Blick“, so Beate Walter. Und solche Verbindungen halten aufgrund von Dankbarkeit und großer Loyalität oft länger, als solche mit glänzenden Bewerbern, die das Unternehmen nur als Karrieresprungbrett sehen. Und Nils Herforth ist nicht das einzige erfolgreiche Beispiel der Maßnahme: Rund 300 Jugendliche starten dank EQ nun voll ins Berufsleben.

Dagmar Groothuis
dagmar.groothuis@hk24.de
Telefon 36 13 8 789

Informationen und Kontakte

Die Einstiegsqualifizierung (EQ) ist ein spezielles sechs- bis zwölfmonatiges Betriebspraktikum, in dem Jugendliche mit schlechten Voraussetzungen die Chance auf eine Ausbildung in ihrem Wunschberuf bekommen und fit für die Lehre gemacht werden. Ihnen werden die Inhalte von dualen Ausbildungsberufen in der Praxis vermittelt. Bei einer Übernahme in eine Ausbildung wird ihnen diese Zeit angerechnet. Es gibt 40 unterschiedliche Module für EQs. Für Unternehmen fallen keine Kosten an. Die Vergütung von monatlich 192 Euro wird aus Bundesmitteln finanziert. Die Sozialleistungen von pauschal 102 Euro im Monat übernimmt die Agentur für Arbeit. Ansprechpartner ist Jesco Stahlmann vom Verein „Ausbildungsförderung der Hamburger Wirtschaft“, Schauenburgerstraße 49, 20095 Hamburg. Weitere Informationen gibt es unter www.hk24.de oder unter www.pakt-sucht-partner.de

hamburger wirtschaft, Ausgabe März 2008