Handelskammer Hamburg 2008

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Interview: Cornelia Poletto

„Frische-Kick“ fürs Unternehmen

Hamburgs Sterneköchin Cornelia Poletto wirbt im Gespräch mit der hamburger wirtschaft für mehr Ausbildung.

hamburger wirtschaft: Frau Poletto, Sie nehmen bereits zum zweiten Mal an der Lehrstellenkampagne der Handelskammer teil und fordern erneut Unternehmen auf, junge Leute auszubilden. Ausbildung scheint Ihnen ein besonderes Anliegen zu sein.

Cornelia Poletto: In der Tat ist mir die Berufsausbildung junger Menschen eine echte Herzensangelegenheit. Deshalb unterstütze ich die Handelskammer-Kampagne aktiv, denn ich möchte Hamburger Unternehmen dazu ermutigen auszubilden. Offensichtlich trauen sich manche Betriebe noch immer nicht so recht an dieses wichtige Thema heran. Gleichzeitig möchte ich junge Leute wach rütteln und ihnen signalisieren: Lerne einen Beruf, das zahlt sich immer für dich aus! Mir macht es großen Spaß, öffentlich für meinen wunderbaren Beruf werben zu können. Koch zu sein eröffnet einem tolle Möglichkeiten, die man diesem Berufsbild noch vor einigen Jahren gar nicht zugetraut hätte. Mit dieser Ausbildung im Gepäck kann man auf der ganzen Welt arbeiten und sogar in den Medien präsent sein. Dafür bin ich der beste Beweis.

hw: Manche Unternehmen zögern noch, einen Azubi einzustellen. Welche Vorteile hat ein Betrieb, wenn er ausbildet?

Poletto: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass bei der täglichen Arbeit sehr leicht Betriebsblindheit drohen kann. Gewisse Dinge können sich einschleifen und abnutzen. Azubis sehen den Betrieb unbefangen und mit ganz anderen Augen. Sie hinterfragen und sorgen für frischen Wind. Oft bringen sie aus der Berufsschule neue Dinge mit in den Betrieb und lösen damit Bewegung aus. Davon kann ein Unternehmen unglaublich profitieren. Ich empfinde Azubis für mein Restaurant als Bereicherung, als regelrechten „Frische-Kick“.

hw: Welche Eigenschaften junger Bewerber um einen Ausbildungsplatz sind Ihnen besonders wichtig?

Poletto: Grundsätzlich finde ich es toll, wenn Jugendliche einen gewissen Ehrgeiz mitbringen – wenn sie wollen. Besonders freue ich mich über junge Leute, die sich den schwierigen Beruf des Kochs aussuchen. Unsere Arbeitszeiten sind wenig attraktiv, schon von daher ist eine ganz besondere Begeisterung notwendig. Aber bloße Begeisterung und Kochbegabung allein reichen heute nicht aus, um Koch zu werden. Trotzdem nehme ich schon einmal bewusst schulische Defizite in Kauf, wenn sich jemand hoch motiviert zeigt. Im Gegenzug fordere ich von meinen Azubis, dass sie sich auf den Hosenboden setzen und Versäumtes in Eigeninitiative nachholen. Zwischenmenschlich muss es stimmen, der Azubi muss in unser Team passen. Schließlich sind wir ein familiär geführter Betrieb, in dem es auf jeden Einzelnen ankommt. Wenn 13 Mitarbeiter auf engstem Raum unter hohem Stress täglich miteinander arbeiten und umgehen, sind Ehrlichkeit und Offenheit besonders gefordert. Im Hinblick auf unsere Arbeit erwarte ich von meinen Azubis außerdem Respekt vor dem, was sie tun, nämlich der Behandlung unserer teilweise sehr kostspieligen Nahrungsmittel in der Küche.

hw: Wie würden Sie „gute Ausbildung“ beschreiben?

Poletto: Sie nutzt Azubi und Ausbildungsbetrieb gleichermaßen und ist immer auf einen langfristigen Erfolg angelegt. Man darf den Azubi nicht als billigen Mitarbeiter betrachten. Ich stelle doch keinen Azubi ein, weil mir kurzfristig ein Koch fehlt! Ein Azubi ist keine volle Arbeitskraft, er soll lernen. Erst nach einem Jahr etwa weiß ein guter Azubi, wie der Betrieb läuft. Neben dem Vermitteln fachlicher Fertigkeiten ist mir wichtig, dass sich ein Azubi menschlich weiterentwickelt und soziale Kompetenz erwirbt.

hw: Über welche besonderen Fähigkeiten muss ein Ausbilder Ihrer Ansicht nach verfügen?

Poletto: Grundsätzlich verdient ein Auszubildender die volle Aufmerksamkeit seines Ausbilders. Das ist neben der täglichen Arbeit nicht einfach und erfordert Fingerspitzengefühl. Als Ausbilder habe ich die Aufgabe, zu motivieren und die Begeisterung des Azubis wach zu halten. Das gelingt, wenn man dem Azubi mit einem Vertrauensvorschuss Verantwortung für kleinere Aufgaben überträgt. Das stärkt das Selbstwertgefühl, damit baue ich meine Azubis auf. Sicherlich gehe ich damit ein gewisses Risiko ein, denn nicht alles klappt auf Anhieb. Manchmal braucht man viel Geduld. Hat ein Azubi einen besonders guten Job gemacht, soll er das wissen, dann darf ich ihn gern loben. Mein Ziel ist es, ganz bewusst zur Selbstständigkeit zu erziehen. Das zahlt sich später für meinen Betrieb aus, denn auf lange Sicht gewinne ich eigenständig arbeitende, teamfähige und selbstbewusste junge Mitarbeiter. Selbstverständlich muss ein Ausbilder seine Azubis ernst nehmen und sich bemühen, ein offenes Ohr für sie zu haben. Dazu gehört, dass sich ein Ausbilder selber ständig hinterfragt.

hw: Der Azubi patzt bei einer wichtigen Aufgabe. Wie reagieren Sie?

Poletto: Ich halte grundsätzlich nichts von Bestrafungen, das demotiviert junge Leute nur. Ist ein Fehler passiert, ist es wichtig, den Grund zu erfahren. Will der Azubi nicht oder kann er nicht? Nach meiner Erfahrung kann ich in beiden Fällen ohne Bestrafung arbeiten. Nochmaliges Erklären oder ein motivierendes Gespräch wirken oft Wunder.

hw: Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre eigene Ausbildung denken?

Poletto: Ich habe in einem 3-Sterne-Restaurant bei Spitzenkoch Heinz Winkler gelernt und frühzeitig fast als volle Kraft mitgearbeitet. In der Berufsschule war ich deshalb oft sehr müde. In den zwei Jahren meiner verkürzten Lehrzeit hatte ich höchstens zehn Tage Urlaub, aber trotz allem war ich mit Begeisterung dabei.

Torsten Liedtke
torsten.liedtke@hk24.de
Telefon 36 13 8 514

hamburger wirtschaft, Ausgabe Juni 2008