
Mit unseren Vorschlägen wollen wir Transparenz für Unternehmen schaffen, Hemmschwellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft abbauen und die Innovationskraft der Hamburger Wirtschaft stärken, sagte Frank Horch, Präses der Handelskammer Hamburg, bei der Vorstellung des neuen Standpunktepapiers zur Reform des Technologie- und Innovationstransfers. Dieses Thema verfolgt die Handelskammer schon seit langer Zeit und mit Blick auf Hamburg überwiegend mit Sorge. Denn ein gut funktionierender Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft wird zu einem immer wichtigeren Standortfaktor im Wettbewerb der Regionen. Ein reibungsloser Technologie- und Innovationstransfer hilft, die Innovationspotenziale einer Region optimal auszuschöpfen.
In Hamburg ist der Austausch bislang noch nicht sehr intensiv. Ein Problem, das auch der Politik seit Jahren bekannt ist, der Technologietransfer stand in der Vergangenheit immer wieder auf der Agenda leider ohne nennenswerten Erfolg. Dass Wirtschaft und Wissenschaft in Hamburg weniger eng verknüpft sind, hat zum Teil strukturelle Gründe: Am Umsatz gemessen ist die Hansestadt zwar Deutschlands größter Industriestandort, relativ betrachtet haben Handel und Dienstleistungen hier allerdings noch höhere Wertschöpfungsanteile. Dabei ist es vor allem die Industrie, die an einer Zusammenarbeit mit der Wissenschaft interessiert ist. Doch Hamburg hat keine lange Tradition als Wissenschaftsstandort, die Universität beispielsweise wurde erst 1919 gegründet. Diese strukturellen und historischen Besonderheiten sind Gründe dafür, weshalb der Technologie- und Innovationstransfer in Hamburg nicht besonders schlagkräftig entwickelt ist.Das soll sich ändern, denn die Elbmetropole hat sowohl wissenschaftlich als auch wirtschaftlich viel zu bieten: Insgesamt 17 Hochschulen, öffentliche wie private, bilden über 70000 Studierende aus, acht staatliche Forschungseinrichtungen der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft sowie der Max-Planck-Gesellschaft leisten umfangreiche Forschung auf den Gebieten der Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Rechts-, Sozial- und Regionalwissenschaften, Schwerpunkt liegt jedoch auf der Grundlagenforschung.
Im Bereich der angewandten Forschung, die Wirtschaft und Wissenschaft enger miteinander verbindet, sind bislang nur wenige Einrichtungen tätig. Eine davon, das Centrum für Angewandte Nanotechnologie, ist als Public Private Partnership der Auftakt für den geplanten Aufbau weiterer Forschungseinrichtungen, zu denen unter anderem das Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung, das Laserzentrum Nord und das Fuelcell Lab gehören. Dennoch: Das Aushängeschild der angewandten Forschung, ein Fraunhofer-Institut, fehlt in Hamburg nach wie vor.
Auch das Wirtschaftspotenzial hat die Handelskammer für das Standpunktepapier unter die Lupe genommen. Eine repräsentative Umfrage unter rund 4000 Handelsregister-Unternehmen bestätigte: 28 Prozent der Hamburger Firmen haben bereits Kontakt mit der Wissenschaft, insbesondere durch Praktikanten, Werkstudenten und Doktoranden. 8400 Betriebe haben bislang zwar keine Kontakte zur Wissenschaft, wünschen sich diese aber. Potenzial für eine engere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft ist in Hamburg also in jedem Fall vorhanden. Aber wie lassen sich beide Seiten besser miteinander verbinden? Die Wirtschaft fordert mehr Transparenz. In Hamburg gibt es über 30 wissenschaftliche Einrichtungen, die sich auch um die Gestaltung von Transferbeziehungen kümmern, sagt Michael Kuckartz, Leiter der Abteilung Innovation, Technologie und Hochschulen der Handelskammer. Viele davon sind in bestimmten Branchen tätig, einige privat organisiert, andere wiederum öffentlich gefördert. Kuckartz: Die Vielfalt ist gut, aber zahlreiche Unternehmen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Um Angebote und Nachfragen aufseiten von Wissenschaft und Wirtschaft in Hamburg transparent zu machen, soll die Transfer-Erstanlaufstelle (TES) geschaffen werden. Ihre Aufgabe wird es sein, mehr Firmen zielgerichtet in Kontakt mit der Wissenschaft zu bringen und als Dolmetscher zwischen den neuen Partnern zu dienen. Wirtschaft und Wissenschaft sprechen manchmal unterschiedliche Sprachen, wir möchten gerade bei kleineren Unternehmen die Hemmschwelle verringern, betont Kuckartz. Die Arbeit der vielseitig engagierten Transfereinrichtungen soll ergänzt, nicht überflüssig gemacht werden, die TES soll für beide Seiten nur ein erster Ansprechpartner sein. Aus diesem Grund ist die Organisation als Public Private Partnership zwischen der Handelskammer, den Hamburger Hochschulen und der Politik vorgesehen, nur so kann sie hochschulübergreifend und wirtschaftsnah arbeiten.
Die Transfer-Erstanlaufstelle könnte wesentlich dazu beitragen, Berührungsängste beim Aufbau von Netzwerken zwischen Wirtschaft und Wissenschaft abzubauen, sagt Michael Westhagemann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Siemens AG Region Hanse. Diese Idee wurde auch schon in der Mittelstandsvereinbarung zwischen der Behörde für Wirtschaft und Arbeit und den Hamburger Kammern formuliert. Neben der Kontaktvermittlung soll die TES auch Veranstaltungen organisieren und Technologiemarketing betreiben. Über Newsletter können sich Unternehmer und Wissenschaftler gleichermaßen über laufende Forschungsprojekte informieren. Als Lenkungsgremium kommt das Hochschulforum der Wirtschaft infrage. Dieses Gremium, in dem die Hochschulpräsidenten, Hamburger Unternehmer, der Wirtschaftssenator sowie die Wissenschafts- und Kultursenatorin vertreten sind, könnte zugleich ein Konzept zur Vermarktung des Wissenschaftsstandortes Hamburg entwickeln. Hier haben wir die Technologieregion Karlsruhe als Best-Practice-Beispiel gewählt, konstatiert Michael Kuckartz. Die Region profitiert von ihrem eindeutigen Standortmarketing für Wissenschaft und Forschung.
Neben dem Aufbau der TES fordert die Handelskammer außerdem den Ausbau der anwendungsnahen Forschung, möglichst durch Einrichtungen in Public Private Partnership. Auch die Ansiedlung eines Fraunhofer-Instituts würde Hamburgs Renommee als Forschungsstandort stärken und eine Brücke zur Wirtschaft schlagen. Die Hochschulen sollten ihre Profile schärfen, klare Schwerpunkte setzen und mehr strategische Kooperationen mit der Wirtschaft aufbauen. Damit die geforderten Reformen ohne große Reibungsverluste umgesetzt werden können, müssten auch seitens der Politik klare Strukturen geschaffen werden: Die Zuständigkeit für die Technologiepolitik sollte aus Sicht der Wirtschaft allein bei der Wirtschaftsbehörde liegen. Insgesamt 14 Vorschläge hat die Wirtschaft mit dem Standpunktepapier zum Technologie- und Innovationstransfer auf den Tisch gelegt, und mit der zügigen Umsetzung sollte sofort begonnen werden.