
Wir machen keine Geschäftsreisen mehr, darüber sind wir hinaus, sagt Rolf Peschel, Geschäftsführer der Leguan GmbH trocken. Das Unternehmen mit etwa 20 Mitarbeitern führt Umweltverträglichkeitsprüfungen durch und erstellt biologische Gutachten. Aktuell erhebt das Team des Diplom-Biologen Messdaten für den geplanten Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals. Seit fünf Jahren ist das Büro webbasiert. Wir mussten unbedingt Kosten einsparen. Bis zu unserer Umstellung betrugen die laufenden Kosten des Unternehmens ausschließlich der Gehälter 40 Prozent, jetzt sind es nur noch 14, lautet Peschels positive Bilanz.
Mit Kunden und Kollegen wird via Skype in Echtzeit kommuniziert, erforderliche Daten und Dokumente liegen auf einem Server, die jeder am Projekt Beteiligte abrufen kann. So werden bei Leguan nicht nur Emissionen, sondern es wird auch Papier gespart. Ein Skontierungsmodell belohnt Auftraggeber, die sich auf das zukunftsweisende Konzept einlassen. Ist eine dauerhafte Präsenz im Projektgebiet erforderlich, wird in Projektbüros gearbeitet. Uns war es wichtig, die Arbeit den Mitarbeitern folgen zu lassen und nicht, wie sonst üblich, die Mitarbeiter der Arbeit, beschreibt Rolf Peschel seine Firmenphilosophie und freut sich darüber, nicht von Reiseritis betroffen zu sein.
Um seinen innovativen Ansatz publik zu machen, hat Peschel am Wettbewerb um den CSR Mobilitätspreis als Auszeichnung für verantwortliches Handeln im Reisemanagement teilgenommen. Ausgeschrieben wurde er vom Geschäftsreisemagazin Der Mobilitätsmanager, dem Verkehrsclub Deutschland e.V. und dem Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V.
Alle drei wollen Unternehmen darin bestärken, Corporate Social Responsibility, also verantwortliches nachhaltiges Handeln, auch beim Travelmanagement zu demonstrieren.
Dass dies vor dem Hintergrund des Klimawandels dringend erforderlich ist, zeigen die Zahlen des Verbandes Deutsches Reisemanagement e.V.: Im Jahr 2006 wurden 157,8 Millionen Geschäftsreisen von Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern durchgeführt. Jede Stunde beginnen in Deutschland durchschnittlich 17200 Geschäftsreisen. Der Anteil der Geschäftsreisen stellt damit einen erheblichen Teil des Personenverkehrs dar, der den des Tourismus weit übertrifft. Die Folgen für die Umwelt sind dementsprechend gravierend.
Aber nicht nur der Klimawandel führt dazu, dass Unternehmen ihre Reisegewohnheiten überdenken müssen. Hohe Benzinpreise, die Biosprit-Diskussion, Staus und Unfälle oder das von der Regierung erarbeitete Merseburger Eckpunkteprogramm, das eine Kohlendioxid-basierte Kraftfahrzeugsteuer vorsieht, erfordern sinnvolle Alternativen.
Es gibt aber auch ganz pragmatische Gründe, meint Anja Hänel, Leiterin des Projekts umweltverträgliche Geschäftsreisen beim Verkehrsclub Deutschland. Wenn Unternehmen sich für den Klimaschutz einsetzen, betreiben sie auch eine positive Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem hängt die Vergabe öffentlicher Aufträge verstärkt von der Erfüllung klimarelevanter Kriterien ab. Wer zukunftsfähig bleiben will, muss sich mit dem Thema ‚ökologisches Travelmanagement’ auseinandersetzen. Je eher, desto besser.
Laut der aktuellen Studie Loves and Hates von American Express, für die 400 Geschäftsreisende in Europa befragt wurden, waren 92 Prozent der deutschen Befragten 2007 im Vergleich zum Vorjahr genauso viel oder sogar häufiger dienstlich unterwegs. Reisten vor zehn Jahren hauptsächlich Vorstände und Manager, ist der Businesstrip heute für viele Mitarbeiter Routine. Obwohl fast jeder Zweite der deutschen Geschäftsreisenden (49 Prozent) angab, dass ihm Umweltfreundlichkeit wichtig bis sehr wichtig sei, hatten nur fünf Prozent ihre persönlichen Reisegewohnheiten entsprechend verändert. Und nur elf Prozent erklärten, dass sich ihr Unternehmen mit umweltfreundlichen Gestaltungsmöglichkeiten im Travelmanagement beschäftige. Das Problem: Verbindliche Reiserichtlinien fehlen. Nur 14 Prozent der deutschen Geschäftsreisenden sagten, dass ihr Unternehmen über diese verfüge.
Die internationale Umweltschutzorganisation Greenpeace gehört dazu. Flugreisen versuchen wir weitestgehend zu vermeiden. Unsere Reiserichtlinien besagen, dass innerhalb Deutschlands in der Regel gar nicht, ansonsten erst ab einer Entfernung von 800 Kilometern geflogen werden darf. Bei kürzeren Distanzen nutzen wir die Bahn. Wenn wir um das Fliegen nicht herumkommen, zahlen wir eine entsprechende Emissionsabgabe an Atmosfair. Den Einsatz von Internetkonferenzen haben wir kontinuierlich ausgeweitet, sagt Pressesprecher Michael Hopf.
Wie schlau die Schweden ihren Mitarbeitern in Bezug auf ökologisches Reisen Beine machen, weiß Jürgen Baltes, stellvertretender Chefredakteur von Der Mobilitätsmanager: Electrolux entwickelte eine Eingabemaske, die den Mitarbeitern bei Reisewunsch die möglicherweise entstehenden Kohlendioxid-Emissionen vorrechnet und gleichzeitig darauf hinweist, wie viele Jahre dafür ein Electrolux-Kühlschrank betrieben werden könnte. Als Alternative wird dann auf das Videokonferenz-Tool verwiesen.
www.vdr-service.de (Verband Deutsches Reisemanagement e. V.)
www.baumev.de (Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e. V.)
www.vcd.org (Verkehrsclub Deutschland e. V. hier kann ab
26. September der Praxisleitfaden Umweltverträgliche Geschäftsreisen
heruntergeladen werden)