
Das Wohlergehen des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt steht und fällt mit der Bildung des Menschen. Nur der, der Zugang zu einer Bildung hat, die seine individuellen Anlagen ausbildet und entwickelt, kann später seine erworbenen Qualifikationen einsetzen und damit zum Erfolg des Gemeinwesens beitragen. Die Basis für diese Bildung ist im Wesentlichen die Schulbildung. Alle müssen die gleichen Chancen haben, eine individuell geeignete Schulbildung zu erhalten. Dies sichert die eigene Zukunft und den Wohlstand unserer Gesellschaft bestimmt. Die Schulpolitik von heute ist also die Wirtschaftspolitik von morgen.
Aktuell, so zeigte uns die letzte PISA-Untersuchung, ist Hamburg nicht in der Lage, seine Schüler im Durchschnitt zu Leistungen zu motivieren, die über dem OECD-Durchschnitt liegen. Es liegt nahe, sich zur Verbesserung der eigenen Situation an den Siegern der PISA-Studie zu orientieren. Finnland, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, hat eine Einheitsschule. Daraus folgt aber noch nicht der Schluss, dass mit der schlichten Übernahme eines solchen Systems alle Probleme gelöst wären. Es gibt nämlich Länder mit einheitlichen Schulsystemen, die schlechter dastehen als Deutschland, auch schlechter als die deutschen Siegerländer, die ein gegliedertes Schulsystem haben.
Die Qualität von Schule hängt also nicht nur von ihrer Struktur ab. Anders gewendet: Wichtig ist nicht, wie eine Schule heißt, sondern ob dort qualitativ hochwertiger Unterricht stattfindet. Das gilt überall, in Förderschulen genauso wie in Gymnasien, in Blankenese genauso wie in Wilhelmsburg. Ganz nebenbei: Der Schulpreis der Hamburger Wirtschaft ging 2008 an Schulen aus Othmarschen, Stellingen und Harburg, an eine Förderschule, an eine Gesamtschule und ein Gymnasium. Guter Unterricht aus Sicht der Wirtschaft kann überall stattfinden. Die Unterrichtsqualität wird aber vor allem im Klassenzimmer sichergestellt.
Viele Faktoren wirken darauf ein, darauf weist auch die Koalition hin und will Verbesserungen schaffen. Sie setzt zum Beispiel bei der Größe der Lerngruppen und der Ausstattung der Schulen an. Weitere Schritte sind denkbar, die schnell messbar viel bewirken, aber erheblich weniger finanzielle und personelle Ressourcen in den Schulen binden. Welche das sind, muss zum Beispiel aus den Ergebnissen der Schulinspektionen abgeleitet werden. Das ist billiger und preiswerter, als eine Strukturreform übers Knie zu brechen.
Deren wesentlicher Inhalt, die sechsjährige Primarschule, stellt einen Formelkompromiss dar, der in den Koalitionsverhandlungen binnen Stunden erfunden wurde und nicht auf fundierten Überlegungen beruht. Immer wieder neue Reformen, noch bevor die vorhergehenden vollständig umgesetzt sind, führen unweigerlich - und verständlicherweise - zu Frustrationen bei den Lehrern; Frustrationen, die die Schüler ausbaden müssen. Solche Experimente dürfen nicht auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen werden. Schulleitungen und Lehrer müssen sich vielmehr auf die Kernaufgabe von Schule konzentrieren können, den Unterricht.
Schulpolitik muss daher langfristig angelegt sein und einen möglichst breiten Rückhalt in der Bevölkerung haben, wenn sie verlässlich sein soll. Die Enquête-Kommission "Konsequenzen der neuen PISA-Studie für Hamburgs Schulentwicklung" betonte in ihrem Abschlussbericht 2007 parteiübergreifend, die von ihr vorgeschlagenen Maßnahmen könnten nur mittel- bis langfristig realisiert und in Wirkung gesetzt werden. Das galt vor allem dem mehrheitlich vorgeschlagenen Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium. Es ist unverständlich, warum gegen diese bessere Erkenntnis nun eine Strukturreform durchgepeitscht werden soll, deren Auswirkungen noch nicht vollständig absehbar sind und deren eventuelle Erfolge wir erst nach vielen Jahren werden messen können. Wir sollten weitgehend an den fundierten und ausgiebig erörterten Empfehlungen der Enquête-Kommission festhalten und sie schrittweise umsetzen. Das ermöglicht Schritt für Schritt kurzfristige Erfolge. Langfristig erhalten wir ein Schulsystem, das eine Legislaturperiode übersteht und qualitativ hochwertige Bildung garantiert.
Frank Horch
Präses der Handelskammer Hamburg