Schulpolitik
Zu viele offene Fragen
Die Moral einer Fabel von Äsop lautet: „Vorgetan und
nachbedacht, hat manchen in groß Leid
gebracht!“ Das gilt im Großen wie im Kleinen
– und besonders für die Schulreform. Was auch immer
im Rahmen dieser Reform getan wird, es muss mit Bedacht getan werden!
Das Tempo allerdings, mit dem das Schulreformgesetz nun durch die
Bürgerschaft galoppiert, nimmt dem Beobachter den Atem. Gerade
einmal vier Monate sind es von der ersten
Anhörung im Schulausschuss bis zur geplanten letzten Lesung
des Gesetzes Anfang November; ohne Sommerpause wäre es wohl
noch weniger. Das Parlament mag sich dieses Tempo gefallen lassen
– die Schulen aber brauchen viel mehr Zeit!
Aus Sicht der Hamburger Wirtschaft stellen sich zur Reform noch viele
Fragen, die sie Anfang Juli in einem Katalog in die politische
Diskussion eingebracht hat. Ein Beispiel: Es ist zu
begrüßen, dass 50 neue Ganztagsschulen eingerichtet
werden sollen, mit einem verpflichtenden Angebot von 8 bis 16 Uhr und
warmem Mittagessen. Aber: Wie wird sichergestellt, dass diese auch
ihrem Konzept entsprechend erfolgreich arbeiten können und
über die notwendigen Mittel und die Ausstattung
verfügen?
Derzeit werden Aufgaben an Ganztagsschulen zu einem großen
Teil von Honorarkräften erledigt, beispielsweise bei der
Betreuung am Nachmittag oder in Arbeitsgemeinschaften.
Honorarkräfte mögen eine gute Ergänzung
sein; der Ganztagsschulbetrieb darf aber nicht von ihnen
abhängen. Ziel muss es sein, die gesamte Betreuung durch
Pädagogen zu gewährleisten. Wo bis dahin
Honorarkräfte nötig sind, müssen sich die
den Schulen zugewiesenen Geldmittel an marktüblichen Preisen
orientieren, damit sie hinreichend qualifizierte Kräfte und
Angebote einkaufen können. Insbesondere muss sichergestellt
werden, dass Kräfte mit pädagogischer Vorbildung die
Hausaufgabenbetreuung übernehmen.
Eine weitere Frage: Welche Methoden zur Binnendifferenzierung
präferiert die Behörde? Die Binnendifferenzierung ist
das entscheidende Element für das neue Schulkonzept. Die
„Rahmenkonzepte“ für die Primarschule
nennen zwar einen Katalog von Methoden, die Hamburger Wirtschaft legt
jedoch Wert darauf, dass davon diejenigen zur Anwendung kommen, die empirisch nachgewiesen den
größten Erfolg versprechen.
Fraglich ist auch, wie den Schülern ausreichende
wirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden können. In einer
Umfrage im Jahr 2008 gaben 47 Prozent der norddeutschen Unternehmen an,
die Wirtschaftskenntnisse der Schulabgänger
entsprächen nicht den Unternehmensanforderungen. Der
integrative Ansatz, wirtschaftliche Inhalte in
„verwandte“ Fächer zu
integrieren, hat also nicht dazu geführt, dass
Schulabgänger über genügend
ökonomische Bildung verfügen. Wir brauchen daher ein
eigenes Schulfach Wirtschaft.
Aus Sicht der Wirtschaft müssen erst alle Fragen beantwortet
sein, bevor eine solche Reform umgesetzt werden kann. Im Interesse
unserer Kinder dürfen bei Schulreformen Fehler nicht einmal im
Ansatz entstehen! Die Reform sollte sich daher auf die
Einführung des Zwei-Säulen-Modells
beschränken, wie es die Enquete-Kommission der
Bürgerschaft 2007 vorschlug. Allein dafür ist schon
mehr als eine Legislaturperiode nötig, wenn die Schulen sich
künftig nicht nur mit dem Umsetzen von Reformen
beschäftigen, sondern qualitativ besser werden sollen.
Frank Horch
Präses der Handelskammer Hamburg
hamburger wirtschaft, Ausgabe August
2009