Handelskammer Hamburg 2009

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Schulpolitik

Zu viele offene Fragen

Die Moral einer Fabel von Äsop lautet: „Vorgetan und nach­bedacht, hat manchen in groß Leid gebracht!“ Das gilt im Großen wie im Kleinen – und besonders für die Schulreform. Was auch immer im Rahmen dieser Reform getan wird, es muss mit Bedacht getan werden!

Das Tempo allerdings, mit dem das Schulreformgesetz nun durch die Bürgerschaft galoppiert, nimmt dem Beobachter den Atem. Gerade einmal vier Monate sind es von der ersten
Anhörung im Schulausschuss bis zur geplanten letzten Lesung des Gesetzes Anfang November; ohne Sommerpause wäre es wohl noch weniger. Das Parlament mag sich dieses Tempo gefallen lassen – die Schulen aber brauchen viel mehr Zeit!

Aus Sicht der Hamburger Wirtschaft stellen sich zur Reform noch viele Fragen, die sie Anfang Juli in einem Katalog in die politische Diskussion eingebracht hat. Ein Beispiel: Es ist zu begrüßen, dass 50 neue Ganztagsschulen eingerichtet werden sollen, mit einem verpflichtenden Angebot von 8 bis 16 Uhr und warmem Mittagessen. Aber: Wie wird sichergestellt, dass diese auch ihrem Konzept entsprechend erfolgreich arbeiten können und über die notwendigen Mittel und die Ausstattung verfügen?

Derzeit werden Aufgaben an Ganztagsschulen zu einem großen Teil von Honorarkräften erledigt, beispielsweise bei der Betreuung am Nachmittag oder in Arbeitsgemeinschaften. Honorarkräfte mögen eine gute Ergänzung sein; der Ganztagsschulbetrieb darf aber nicht von ihnen abhängen. Ziel muss es sein, die gesamte Betreuung durch Pädagogen zu gewährleisten. Wo bis dahin Honorarkräfte nötig sind, müssen sich die den Schulen zugewiesenen Geldmittel an marktüblichen Preisen orientieren, damit sie hinreichend qualifizierte Kräfte und Angebote einkaufen können. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass Kräfte mit pädagogischer Vorbildung die Hausaufgabenbetreuung übernehmen.

Eine weitere Frage: Welche Methoden zur Binnendifferenzierung präferiert die Behörde? Die Binnendifferenzierung ist das entscheidende Element für das neue Schulkonzept. Die „Rahmenkonzepte“ für die Primarschule nennen zwar einen Katalog von Methoden, die Hamburger Wirtschaft legt jedoch Wert darauf, dass davon diejenigen zur Anwendung kommen, die empirisch nachgewiesen den größten Erfolg versprechen.

Fraglich ist auch, wie den Schülern ausreichende wirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden können. In einer Umfrage im Jahr 2008 gaben 47 Prozent der norddeutschen Unternehmen an, die Wirtschaftskenntnisse der Schulabgänger entsprächen nicht den Unternehmensanforderungen. Der integrative Ansatz, wirtschaftliche Inhalte in „verwandte“ Fächer zu inte­grieren, hat also nicht dazu geführt, dass Schulabgänger über genügend ökonomische Bildung verfügen. Wir brauchen daher ein eigenes Schulfach Wirtschaft.

Aus Sicht der Wirtschaft müssen erst alle Fragen beantwortet sein, bevor eine solche Reform umgesetzt werden kann. Im Interesse unserer Kinder dürfen bei Schulreformen Fehler nicht einmal im Ansatz entstehen! Die Reform sollte sich daher auf die Einführung des Zwei-Säulen-Modells beschränken, wie es die Enquete-Kommission der Bürgerschaft 2007 vorschlug. Allein dafür ist schon mehr als eine Legislaturperiode nötig, wenn die Schulen sich künftig nicht nur mit dem Umsetzen von Reformen beschäftigen, sondern qualitativ besser werden sollen.

Frank Horch
Präses der Handelskammer Hamburg

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2009