Traditionsclubs
Gemeinsam handeln
Hanseaten sind nach wie vor ihren
Clubs treu. Besonders Institutionen mit Tradition haben
großen Zulauf und stehen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten
für Verlässlichkeit und Beständigkeit.
Eine Mitgliedschaft im Übersee-Club oder im Hafen-Klub
gehört
für Hamburger Kaufleute fast schon zum guten Ton. Gleiches
gilt
für die „Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu
Hamburg e.
V.“ (VEEK), seit 1955 ein eingetragener Verein, der heute
rund
1 000 Mitglieder zählt, darunter auch
Handelskammer-Präses
Frank Horch. Jeweils am Jahresende eröffnet der
VEEK-Vorsitzende,
Egbert Diehl, die „Versammlung Eines Ehrbaren
Kaufmanns“ im
Börsensaal der Handelskammer.
Traditionsgemäß gibt dann
der Präses der Handelskammer einen Überblick
über die
wirtschaftliche Gesamtsituation der Stadt. Diese Tradition geht auf das
Jahr 1821 zurück. Bereits 1517 wählte die Hamburger
Kaufmannschaft einen Vorstand, der „alles Notwendige zu des
Kaufmanns Nutzen fördern und Nachteile
verhüten“
sollte. Egbert Diehl ist davon überzeugt, dass klassische
Tugenden
wie Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit für den Kaufmann
von
heute wichtiger sind denn je und dass sich in Krisenzeiten die
Besinnung auf alte Werte als hilfreich erweist.
Im 17. Jahrhundert hatten Politik und Wirtschaft mit
Seeräubern
und anderem Fehlverhalten zu kämpfen. Grund genug, um im Jahr
1665
die Commerzdeputation, ein Gremium aus sieben Personen, darunter sechs
„Ehrbare Kaufleute“, einzusetzen, um solchen
Missständen entgegenzuwirken. Mit der Commerzdeputation war
die
Vorläuferin der Handelskammer geboren. „Heute ist
das Thema
Korruption aktueller denn je“, so Diehl, „im Juni
2003
wurde eine Vertrauensstelle der Hamburger Wirtschaft zur
Korruptionsbekämpfung eingerichtet, die wir
maßgeblich
unterstützen. Anstand in der Wirtschaft sollte für
VEEK-Mitglieder selbstverständlich sein.“
Voraussetzung
für eine Mitgliedschaft ist die Tätigkeit als
Unternehmer
oder leitender Angestellter in einem IHK-angehörigen Betrieb
sowie
einwandfreies kaufmännisches Verhalten. Das Unternehmen sollte
solvent sein. „Die Mitglieder erhalten von der Handelskammer
die
Chambercard Gold. Damit sind sie gleichzeitig Mitglied im
Börsenclub und können das gleichnamige, exklusive
Restaurant
in der Handelskammer nutzen“, sagt Diehl. „Das ist
das
Clubrestaurant im Gebäude der Handelskammer, wo man sich
trifft,
um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.“ Der
Vereinsbeitrag beträgt 50 Euro im Jahr. Eine enge
Verbindung
zur Handelskammer hat auch die Patriotische Gesellschaft von 1765. Sie
wurde aus Anlass des 100. Jubiläums der Commerzdeputation von
Angehörigen des gebildeten Bürgertums
gegründet. Die
Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Anliegen,
das
Gemeinwohl in der Stadt zu fördern. Sie hielt ihre
Versammlungen
zunächst im Börsensaal ab, 1805 erwarb sie ein
eigenes
Gebäude, das 1842 dem großen Hamburger Brand zum
Opfer fiel.
Ein neues Domizil wurde an der Trostbrücke auf dem Platz des
Alten
Rathauses errichtet. 1943 zerstörte eine Bombe den imposanten
Bau.
Glücklicherweise blieb die Fassade erhalten, und das Haus
konnte
nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. Seit ihrer
Vereinsgründung
ist für Hamburgs älteste Bürgerinitiative
das Motto
„Tolerant denken – gemeinnützig
handeln“
aktuell. 1767 zum Beispiel richtete die Patriotische Gesellschaft eine
Zeichenklasse ein, in der jeweils zwölf Schüler
Unterricht im
Bauzeichnen erhielten. Daraus entwickelte sich später die
Gewerbeschule, die seit 1864 vom Staat betrieben wird.
Die Gesellschaft gründete auch die erste Sparkasse in Europa,
eine
Navigationsschule, die erste Flussbadeanstalt in Deutschland, die
Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und vieles mehr.
Mit
Unterstützung der Patriotischen Gesellschaft wurden das Museum
für Kunst und Gewerbe sowie das Hamburgmuseum
gegründet.
Heute werden in Arbeitskreisen aktuelle Probleme diskutiert. Im Jahr
2000 zum Beispiel wurde die Aktion „Seitenwechsel“
ins
Leben gerufen. „Dabei handelt es sich um ein
Weiterbildungsprogramm für
Führungskräfte“,
erläutert Sven Meyer, zuständig für die
Öffentlichkeitsarbeit der Patriotischen Gesellschaft.
„Manager arbeiten in sozialen Einrichtungen und lernen so die
Schattenseiten der Hansestadt kennen. Sie können im
Mitternachtsbus mitfahren und Obdachlose betreuen oder im Hospiz
Sterbende versorgen.“ Um finanziell unabhängig zu
bleiben,
werden Büroräume und die Festsäle im
Vereinshaus an der
Trostbrücke vermietet. Die Patriotische Gesellschaft hat
derzeit
rund 350 Mitglieder, der Jahresbeitrag beträgt für
Einzelmitglieder 75 Euro, für Firmen 120 Euro. Vorsitzender
ist
Jürgen Mackensen. Die Patriotische Gesellschaft stellt sich
den
Herausforderungen städtischen Lebens des 21. Jahrhunderts. Aus
einer urbanen Haltung heraus handelt sie tolerant, politisch und
nützlich.
Auf eine lange Tradition kann auch der Übersee-Club
zurückblicken. „Der Übersee-Club sei
gegründet“, verkündete der damalige
Handelskammer-Präses Franz Heinrich Witthoefft am 27. Juni
1922 im
Gebäude der Patriotischen Gesellschaft. Einflussreiche
Hanseaten hatten sich in der wirtschaftlich schwierigen Zeit
nach
dem Ersten Weltkrieg versammelt, um durch eine neue Vereinigung wieder
weltweit wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Heute
gehört
der Übersee-Club mit seinen über 2 000 Mitgliedern,
darunter
an die 200 Damen, zu den größten Hamburger
Traditionsclubs,
viele seiner ehemaligen Präsidenten waren auch Präses
der
Handelskammer. Amtierender Präsident ist Peter von Foerster.
Das
Clubleben findet in repräsentativen Räumen im
Amsinck-Haus am
Neuen Jungfernstieg statt. Geschäftsführer Burghard
von Cramm
organisiert jährlich 30 bis 40 hochkarätige
Vortragsveranstaltungen zu aktuellen wirtschaftlichen, politischen,
wissenschaftlichen und kulturellen Themen. „Der
Übersee-Club
ist gemeinnützig und zahlt deshalb keine Honorare“,
erläutert von Cramm. Nicht nur fast alle deutsche
Bundespräsidenten und Bundeskanzler haben im
Übersee-Club
referiert, sondern auch viele andere prominente Gäste, zu
denen
Josef Ratzinger, seinerzeit noch Kardinal, ebenso gehört wie
Valéry Giscard d’Estaing. Eine wichtige
Veranstaltung des
Clubs ist der Übersee-Tag, der seit 1950 immer Anfang Mai
gefeiert
wird und an die Verleihung der Hafenrechte durch Kaiser Friedrich
Barbarossa im Jahre 1189 erinnert.
Für eine Mitgliedschaft im Übersee-Club werden zwei
Bürgen aus dem Kreis der Mitglieder benötigt. Der
jährliche Beitrag liegt für ordentliche Mitglieder
bei 350
Euro, für Firmen bei 700 oder bei 1 400 Euro, je nach
Größe des Unternehmens. Um die
Internationalität der
Einrichtung zu unterstreichen, wird ausländischen Konsuln eine
außerordentliche Mitgliedschaft angeboten. Ziel des
Übersee-Clubs ist es, Toleranz auf allen Gebieten der Kultur
und
der Völkerverständigung zu fördern. Bankier
Max M.
Warburg hatte damals die Initiative für den neuen Club
ergriffen
und in der Handelskammer für dessen Gründung
geworben. 1934
löste sich der Club auf und wurde 14 Jahre später, am
18.
Juni 1948, auf Betreiben des Kaufmanns Erik Blumenfeld
wiedergegründet. Zum Präsidenten wurde Rudolf H.
Petersen,
Hamburgs erster Nachkriegsbürgermeister, gewählt.
Der Übersee-Club hat viele Partnerclubs im In- und Ausland.
Freundschaftlich verbunden ist er dem Anglo-German Club, 1948 gemeinsam
von hochrangigen Mitgliedern der britischen Besatzungsmacht und
Hamburger Persönlichkeiten als reiner Herrenclub
gegründet.
Zu den Mitgliedern gehörten auch die Hamburger
Bürgermeister
Max Brauer, Kurt Sieveking, Paul Nevermann und Herbert Weichmann sowie
Axel Springer, John Jahr, Ernst Rowohlt und
Handelskammer-Präses
Albert Schäfer. Hauptziel des Clubs war es, die Beziehungen
zwischen Deutschland und Großbritannien nach Ende
des
Zweiten Weltkrieges wieder auf das alte freundschaftliche Fundament zu
stellen. Noch heute steht die Förderung der deutsch-britischen
Beziehungen im Vordergrund. Clubpräsident ist Claus-G.
Budelmann,
der seit der Schließung des britischen Generalkonsulats in
Hamburg auch Britischer Honorarkonsul ist. Der Anglo-German Club hat
rund 1 000 Mitglieder, darunter zwei Ehrenpräsidenten:
Hamburgs
Ersten Bürgermeister und den Britischen Botschafter in Berlin.
Die
Mitglieder treffen sich regelmäßig in einer
stilvollen Villa
am Harvestehuder Weg, wo Veranstaltungen mit prominenten
Gastrednern aus Großbritannien und Deutschland stattfinden,
unter
anderem das jährliche Christmas Dinner und die Garden Party zu
Ehren der britischen Königin.
Der Hafen-Klub ist zwar einige Jahre jünger, kann aber
trotzdem
eine beachtliche Tradition aufweisen. Amtierender Präsident
ist
Ove Franz. Am 26. August 1965 wurde der Club ins Vereinsregister
eingetragen. Von Anfang an waren Damen als Mitglieder zugelassen.
Einige Unternehmer, die geschäftlich mit dem Hafen zu tun
hatten,
bemängelten bereits Anfang der 1960er-Jahre, dass die
zwischenmenschlichen Beziehungen durch technische Entwicklungen wie
Telefon und Telex stark vernachlässigt wurden.
„Früher
hat man sich an der Börse getroffen, dort gemeinsam das
Wirtschaftsleben verfolgt und gleichzeitig Kontakte
gepflegt“, schreibt der ehemalige Clubpräsident
Jürgen
Lebhuhn in der Vereinschronik. „Trotz jahrelanger
Geschäftsbeziehungen waren persönliche Kontakte nun
selten
geworden.“ Die Intention des Clubs, sagte Ove Franz, sei im
Computerzeitalter aktueller denn je und werde durch die vorhandenen
Separées bei exzellenter Gastronomie optimiert. Damals wie
heute
können nur Unternehmen eine Mitgliedschaft erwerben, die dann
ihrerseits Repräsentanten bestimmen – in der Regel
aus der
Chefetage. Das Clubhaus befindet sich an den Landungsbrücken
zwischen den Brücken 4 und 5.
Informationen
Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e. V.,
Telefon: 36 13 8 335, Fax: 36 13 8 533, E-Mail: angelika.glomsda@hk24.de
Patriotische Gesellschaft von 1765 e.V., Trostbrücke 4
– 6, 20467 Hamburg,
Telefon: 36 66 19
Übersee-Club e. V., Amsinck-Haus,
Neuer Jungfernstieg 19, 20354 Hamburg, Telefon: 355 29 00, Fax: 35 52
90 10
Anglo-German Club e.V.,
Harvestehuder Weg 44, 20149 Hamburg, Telefon: 450 55 12 und 450 55 13,
Fax: 44 70 20
Hafen-Klub Hamburg e. V.,
Bei den St. Pauli Landungsbrücken 3, 20359 Hamburg, Telefon:
31 30 00,
Fax: 319 19 71, E-Mail: info@hafen-klub.de
hamburger wirtschaft, Ausgabe
März 2009