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Regeln für die Ökonomie
Über 170 000 Bücher gehören heute
zum Bestand der 1735 gegründeten Commerzbibliothek. In loser
Reihenfolge stellt die hamburger wirtschaft besondere Exemplare vor.
Diesmal geht es um den Neoliberalismus.
„Liberal zu sein heißt nicht, wie der
‚Manchestermann’, die Autos in allen Richtungen herumfahren
zu lassen, wie es diesen gerade gefällt, woraus Verkehrsstockungen
und Unfälle resultieren; es heißt nicht, wie der
‚Planer’, jedem Auto eine Abfahrtzeit und einen Fahrplan
zuzuweisen; es heißt, eine Straßenverkehrsordnung zu
bestimmen, wobei man zugibt, dass diese nicht gezwungenermaßen
dieselbe sein muss in Zeiten beschleunigten Transports wie in Zeiten
der Postkutsche.“
So beschreibt der französische Ökonom Louis Rougier 1938
seine Idee von Regeln für die Ökonomie. Das Zitat ist
kennzeichnend für die Abkehr des Liberalismus vom Laisser-faire,
die 1938 auf dem „Colloque Walter Lippmann“ angesichts der
Konzentrationstendenzen in der Wirtschaft eingeläutet wurde. Unter
den 26 Teilnehmern des „Colloque Walter Lippmann“ war die
geistige Elite des damaligen Liberalismus wie zum Beispiel die
Okönomen Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und
Alexander Rüstow.
Auf dem Kolloquium hatte man darüber gestritten, ob der
Liberalismus fähig sei, seine sozialen Aufgaben zu erfüllen.
Die Diskussion ging letztlich um die Ursachen der damaligen
Weltwirtschaftskrise. Vom Manchestertum distanzierte man sich, und
zentrale Planung wurde als freiheitsgefährdend abgelehnt. Also kam
man auf die Betonung eines rechtlichen und institutionellen Rahmens des
ökonomischen Geschehens, wie das obige Zitat es beschreibt.
Rougier erklärte zum Abschluss des Kolloquiums, die wichtigste
Aufgabe der Neoliberalen sei die Suche nach „Formen der
Intervention der öffentlichen Gewalt, die mit dem Preismechanismus
vereinbar sind“. In der wirtschaftspolitischen Praxis und in den
Diskussionen über Opel, Arcandor und Schaeffler/Conti scheint
diese Suche immer noch anzudauern.
Die Zitate stammen aus „Wandlungen des Neoliberalismus –
Eine Studie zu Entwicklung und Ausstrahlung der Mont Pèlerin
Society“ von Philipp Plickert, Stuttgart 2008. Philipp Plickert,
Jahrgang 1975, hat in München, an der London School of Economics
und in Tübingen studiert. Seit April 2007 ist er Mitglied der
FAZ-Wirtschaftsredaktion.
hamburger wirtschaft, Ausgabe August
2009