Handelskammer Hamburg 2009

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Regeln für die Ökonomie

Über 170 000 Bücher gehören heute zum Bestand der 1735 gegründeten Commerzbibliothek. In loser Reihenfolge stellt die hamburger wirtschaft besondere Exemplare vor. Diesmal geht es um den Neoliberalismus.
„Liberal zu sein heißt nicht, wie der ‚Manchestermann’, die Autos in allen Richtungen herumfahren zu lassen, wie es diesen gerade gefällt, woraus Verkehrsstockungen und Unfälle resultieren; es heißt nicht, wie der ‚Planer’, jedem Auto eine Abfahrtzeit und einen Fahrplan zuzuweisen; es heißt, eine Straßenverkehrsordnung zu bestimmen, wobei man zugibt, dass diese nicht gezwungenermaßen dieselbe sein muss in Zeiten beschleunigten Transports wie in Zeiten der Postkutsche.“

So beschreibt der französische Ökonom Louis Rougier 1938 seine Idee von Regeln für die Ökonomie. Das Zitat ist kennzeichnend für die Abkehr des Liberalismus vom Laisser-faire, die 1938 auf dem „Colloque Walter Lippmann“ angesichts der Konzentrationstendenzen in der Wirtschaft eingeläutet wurde. Unter den 26 Teilnehmern des „Colloque Walter Lippmann“ war die geistige Elite des damaligen Liberalismus wie zum Beispiel die Okönomen Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Alexander Rüstow.

Auf dem Kolloquium hatte man darüber gestritten, ob der Liberalismus fähig sei, seine sozialen Aufgaben zu erfüllen. Die Diskussion ging letztlich um die Ursachen der damaligen Weltwirtschaftskrise. Vom Manchestertum distanzierte man sich, und zentrale Planung wurde als freiheitsgefährdend abgelehnt. Also kam man auf die Betonung eines rechtlichen und institutionellen Rahmens des ökonomischen Geschehens, wie das obige Zitat es beschreibt. Rougier erklärte zum Abschluss des Kolloquiums, die wichtigste Aufgabe der Neoliberalen sei die Suche nach „Formen der Intervention der öffentlichen Gewalt, die mit dem Preismechanismus vereinbar sind“. In der wirtschaftspolitischen Praxis und in den Diskussionen über Opel, Arcandor und Schaeffler/Conti scheint diese Suche immer noch anzudauern.

Die Zitate stammen aus „Wandlungen des Neoliberalismus – Eine Studie zu Entwicklung und Ausstrahlung der Mont Pèlerin Society“ von Philipp Plickert, Stuttgart 2008. Philipp Plickert, Jahrgang 1975, hat in München, an der London School of Economics und in Tübingen studiert. Seit April 2007 ist er Mitglied der FAZ-Wirtschaftsredaktion.
Jörn Schüßler
joern.schuessler@hk24.de
Telefon 36 13 8 508

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2009