Hamburger Volkstheater GmbH
Ein Evergreen
Hamburgs ältestes Privattheater wird 200 Jahre alt. Die Hamburger
Volkstheater GmbH, die das „Theater im Engelsaal“ betreibt, feiert dieses
Jubiläum am 17. Oktober mit einer Gala in der Laeiszhalle.
Rund 85 Jahre lang hatte der Engelsaal am Valentinskamp im
Dornröschenschlaf gelegen, als Prinzipal Karl-Heinz Wellerdiek die
Spielstätte im März 2005 als Theater der leichten Muse
wiederbelebt und zu diesem Zweck die Hamburger Volkstheater GmbH
gründet. Wer kennt sie nicht, Operettenmelodien wie „Ich
lade gern mir Gäste ein“ oder „Schenkt man sich Rosen
in Tirol“ oder „Die Juliska aus Budapest“, die bis
heute Evergreens sind? „Seit der Wiedereröffnung haben wir
die Besucherzahlen pro Spielzeit um fünf Prozent
gesteigert“, sagt der ausgebildete Tenor und Schauspieler
Wellerdiek, der oft auch selbst auf der Bühne des Engelsaals steht.
Gegründet wird das „Theater im Engelsaal“, dessen Name
sich von den goldenen Engeln an der Balustrade herleitet, 1809 von der
legendären Witwe Hantje. Hantje ist eine theaterbesessene Frau,
und so verwundert es nicht, dass sie für umherziehende
Theatertruppen ihr Ausflugslokal „Hotel de Rome“ im
Gängeviertel um einen Theatersaal erweitern möchte. Dass sie
Durchsetzungsvermögen besitzt, beweist sie, als sie einen Prozess
gegen den Hamburger Senat führt, um die nötige Konzession
für ihr Projekt zu erhalten, den sie gewinnt. Nach ihrem Tod wird
der Theatersaal von den neuen Eigentümern, der Familie Tütje,
weitergeführt. 1842 erwirbt dann Charles Maurice Schwarzenberger
alias „Cherie Maurice“ die Konzession und gründet mit
dieser Urkunde auch das Thalia Theater. 1920 wird der Engelsaal
geschlossen, das Haus umgebaut und umbenannt. In die Räume ziehen
die Hamburger Volkszeitung und eine Druckerei ein. Das Gebäude
verfällt zusehends, und erst 1997 wird es durch Privatinvestoren
wie zum Beispiel dem Kaufmann und Operettenliebhaber Peter Potenberg in
seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt.
Bevor Karl-Heinz Wellerdiek, der aus Gütersloh stammt, in Hamburg
sesshaft wurde, reiste er durch die Welt. „Ich habe auf
Kreuzfahrtschiffen im Entertainment gearbeitet und konnte mich dort
ausprobieren“, erzählt er. Zudem hat er Anfang der
1980er-Jahre in den USA in Altersheimen gesungen, um sich seinen
Lebensunterhalt zu verdienen. Danach übernahm er in Hamburg das
„Hotel Alsterblick“ in Uhlenhorst und wurde Deutschlands
jüngster Hotelier. Doch das Theater ließ ihn nicht los, und
so initiierte er den „Hamburger Elbsommer“ – ein
musikalisches Programm, das sich als Festival etablierte. „Da kam
mir die Idee, die Operette in einem festen Haus wieder aufleben zu
lassen“, so der 50-Jährige, der nicht nur etwas vom Singen
und Schauspielern versteht: „Mein Vater war Unternehmer und
wollte unbedingt, dass ich Kaufmann werde.“ Zunächst machte
Wellerdiek allerdings eine Lehre als Tischler, bevor er den Beruf des
Kaufmanns erlernte. „Es kommt mir heute zugute, weil ich
weiß, was es heißt, auf beiden Seiten der Theke arbeiten zu
können.“ Mit diesem Wissen und einem eingespielten Team ist
es ihm möglich, das kleine, 140 Zuschauer fassende Theater auch
weiterhin in der Erfolgsspur zu halten – und das ohne
Zuschüsse der Kulturbehörde.
hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober
2009