Stadtentwicklung
Ruf nach Befreiung
Hamburg fehlen derzeit rund 5 000
Wohnungen, doch Investoren fühlen sich gebremst. Zum Beispiel,
weil alte Bebauungspläne Neubaumaßnahmen blockieren.
Hamburg verfügt über insgesamt 883 045 Wohnungen. Das
reicht vorn und hinten nicht, die Stadt benötigt dringend
bezahlbaren Wohnraum. Es bestehe Bedarf an rund 5 000 bis 6 000
Wohnungen, bestätigt Enno Isermann, Pressesprecher der
Stadtentwicklungsbehörde. Deshalb solle der Bau von
Mietwohnungen deutlich stärker vorangetrieben werden. Durch
einen Wohnungsbauentwicklungsplan hofft der Senat in Zeiten knapper
Kassen, mehr Privatinvestoren zu gewinnen. Doch die privaten Vermieter,
in deren Händen sich rund die Hälfte des
Mietwohnungsbestandes befindet, zögern, neu zu bauen oder zu
sanieren. Ein Grund: Uralte, aber verbindliche Bebauungspläne
hindern Investoren oft an Neubaumaßnahmen.
Was steckt dahinter? Ein Neubau (etwa nach dem Abriss eines alten
Gebäudes) muss sich nach geltenden Bebauungsplänen
richten, auch wenn diese Jahrzehnte auf dem Buckel haben und den
Anforderungen zeitgemäßen Bauens nicht entsprechen.
Voraussetzung für eine moderne Neubebauung wäre die
„Befreiung von den Festsetzungen der gültigen
Bebauungspläne“ durch Behörde und
politische Ausschüsse. Erst wenn der Bescheid über
diese Befreiung ergangen ist, kann der eigentliche Bauantrag
eingereicht werden. Dieses zeitaufwendige und komplizierte Verfahren
schreckt viele Investoren ab.
Immobilieninvestor Uwe von Böhl zum Beispiel besitzt unter
anderem eine Wohnanlage mit 100 kleinen Wohneinheiten in
Barmbek. „Die Häuser wurden in den 1960er-Jahren
gebaut und sind jetzt stark renovierungsbedürftig“,
so von Böhl. „Küchen und Bäder
sind für die heutigen Ansprüche nicht mehr attraktiv,
und auch die Wohnungsgrößen von durchschnittlich 33
Quadratmetern pro Einheit entsprechen nicht mehr den modernen
Vorstellungen eines Singlehaushalts.“ Aus diesem Grund
möchte der Kaufmann in Neubauten investieren, will
abschnittsweise neu bauen, sodass die Mieter unmittelbar von ihren
alten Wohnungen in die neuen umziehen können. Statt der 100
Wohnungen mit 3 510 Quadratmetern sollen 264 Wohnungen mit
einer Gesamtfläche von 13 000 Quadratmetern entstehen. Von
Böhl: „Die Wohnungen sollen umweltfreundlich,
energiesparend und altersgerecht sein, schließlich werden die
Menschen immer älter und wollen möglichst lange
selbstständig wohnen.“ Für die neuen
Zweizimmerwohnungen werden 48 Quadratmeter eingeplant, also 15
Quadratmeter mehr als zuvor. Die Mieten sollen dem Hamburger
Mietenspiegel entsprechen.
Ein Bauprojekt, das genau die Kernziele des neuen
Wohnungsbauentwicklungsplans der Behörde für
Stadtentwicklung und Umwelt erfüllt, dachten von Böhl
und sein Architekt Nils Clasen. Darin wird nämlich ein
erhöhter Bedarf an preisgünstigen kleinen Wohnungen
festgestellt, wobei klimafreundliche Standards berücksichtigt
werden sollen. Auch von Böhls Mieter sind begeistert, da es
sich um eine abschnittsweise Neubebauung handelt und sie direkt in den
Neubau umziehen können. „Sie fragen mich
ständig, wann die Bauphase endlich beginnt.“ Das
Problem: Für das 7 200 Quadratmeter große
Grundstück gilt der alte Bebauungsplan Barmbek-Nord 18 von
1968. Das bedeutet: Der zukünftige Bauherr benötigt
eine Befreiung vom gültigen Bebauungsplan. Und das dauert!
Sehr zum Ärger von Architekt und Stadtplaner Nils Clasen:
„Vor 40 bis 50 Jahren wurden oft und rasch
Baustufenpläne erstellt, es war keine Zeit für
qualifizierte Bebauungspläne.“ Würden die
gleichen Grundstücke heute überplant, sähen
sie völlig anders aus. Auch wären die Wohnungen
exklusiver ausgestattet. Dabei sei dem Senat schon länger
klar, dass erhöhter Bedarf an Wohnraum besteht, die
Ansprüche der Mieter sich geändert haben und die
innerstädtischen Bauplätze begrenzt sind. Die
Stadtentwicklungsbehörde erarbeitete bereits im Jahr 2000
einen Leitfaden zur Weiterentwicklung von Wohnsiedlungen durch
sogenannte Nachverdichtungen, also zusätzliche Bebauung
vorhandener Wohnanlagen. Doch in der Regel existieren auch
hier alte und verbindliche Bebauungspläne.
Für Nils Clasen ist klar, dass die Behörde dieses
Problem ganz einfach lösen könnte: „Es
müssten mehr alte Bebauungspläne den heutigen
Standards angepasst werden.“ Ein Aufwand, der sich nach
Clasens Meinung lohnt, denn so würden viele Investoren zu
Neubauten auf Grundstücken mit maroden Altbauten gewonnen. Die
Überarbeitung aller alten Bebauungspläne ist sehr
zeitaufwendig, Sachbearbeiter und Politik müssten sich die
einzelnen Quartiere vornehmen und schauen, ob es sich um
gültige Bebauungspläne handelt.
„Dafür sind viele qualifizierte Mitarbeiter
erforderlich, und daran mangelt es“, sagt Clasen.
„Derzeit wird sehr viel Personal für
Großprojekte wie beispielsweise die Hafencity
benötigt, aber dort gibt es in der Regel nur
Luxuswohnungen.“
Informationen
Durch den Wohnungsbauentwicklungsplan soll eine bessere, direkte
Förderung des Wohnungsbaues, besonders durch Privatinvestoren,
ermöglicht werden. Wichtige Kernziele des Plans sind unter
anderem:
- die Erhöhung der Förderung von
Mietwohnungsbau
- mehr Bauflächen in den Quartieren, ohne wertvolle
Grünflächen anzutasten
- die Priorität bei der Bauförderung für
klimafreundliche Standards und ökologisch innovative Bauweisen
hamburger wirtschaft, Ausgabe
August 2009