Interview: Matthias Horx
Wir brauchen neue Ehrlichkeit
Matthias Horx gilt als einflussreichster
Trendforscher im deutschsprachigen Raum. Die hamburger wirtschaft
sprach mit ihm über die Entwicklung von Unternehmen und
Märkten nach der Wirtschaftskrise.
hamburger wirtschaft: Sie
zitieren in Ihren Vorträgen gern Max Frisch mit dem Satz, dass die
Krise ein produktiver Zustand sei, wenn man ihr den Beigeschmack der
Katastrophe nehme. Lassen wir die Katastrophen außen vor: Wohin
führen uns die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre?
Matthias Horx: In eine neue globale Welt- und
Gesellschaftsordnung, die jetzt, nachdem sich der Pulverdampf der Krise
langsam senkt, sichtbar wird. Erstens geht es um ein neues
Verhältnis zwischen Wirtschaftsblöcken und
Gesellschaftsformen. Die Zeit der amerikanischen Dominanz ist vorbei,
und nun entwickeln sich neue Spielregeln der Globalisierung, in der die
Schwellenländer viel mehr Einfluss haben. Das führt zu
gewaltigen neuen Absatzmärkten, in der die Regeln aber völlig
neu aufgestellt werden. Zweitens geht es um ein anderes Verhältnis
zwischen Kultur und Geld. Der Kapitalismus wird sich in den
nächsten Jahren ‚kulturisieren‘ und
‚feminisieren‘. Der Einfluss der Frauen auf wirtschaftliche
Entscheidungen wird wachsen.
hw: Sie gehen also davon aus, dass die Wirtschaftskrise und eine
gesamtgesellschaftliche Orientierungskrise zusammenhängen. Welche
Werte und Verhaltensweisen bringen Unternehmen in Zukunft voran?
Horx: Im Prinzip geht es um einen langen, schwierigen Abschied
vom patriarchalen Mitarbeitermodell. Der alte, der industrielle Deal
lautete: Ich, Arbeitgeber, kümmere mich um die Bereitstellung
eines Arbeitsplatzes und nehme Dir, Arbeitnehmer, die Unsicherheiten
Deines Lebens ab. Dieses System funktioniert nicht mehr. Kein
ernsthafter Unternehmer kann seinen Leuten heute eine lebenslange
Arbeitsplatzgarantie geben. Das heißt, wir brauchen eine neue
Ehrlichkeit, einen neuen Sozialkontrakt, der auf dem Prinzip der
Eigenständigkeit und Emanzipation beruht. In Zukunft erleben wir
viel mehr ‚Intrapreneurship‘. Eigeninitiative wird von
allen Mitarbeitern gefordert, aber damit verändern sich auch die
Organisationsstrukturen der Unternehmen. Von Pyramiden zu Netzwerken
des Wandels.
hw: Neben der Veränderung der Arbeitswelt postulieren Sie
auch eine Wandlung der Konsumenten zu einer neuen Akteursgruppe. Sie
haben diese Gruppe ‚Prosumenten‘ getauft. Was macht sie aus?
Horx: Prosumenten sind schlaue, erfahrene Konsumenten, die mit
allen Informationen und sonstigen Wassern gewaschen sind. Sie erkennen
sofort, wo ein Produkt oder eine Dienstleistung nicht geldwert oder
woanders billiger zu haben ist. Das Auftreten des Prosumenten
führt zu massivem Preisverfall in vielen Branchen, wo man die
Preisbildung nicht verstecken kann. Und zu einem echten
Innovationsdruck. Man kommt mit Pseudoinnovationen nicht mehr weiter.
Die Kunden ergreifen die Macht über die Wertschöpfungskette.
hw: Was empfehlen Sie Unternehmen vor diesem Hintergrund, um sich generell für schwierige Zeiten besser aufzustellen?
Horx: Das ist nicht beantwortbar, weil jedes Unternehmen
vollkommen anders ist. Generell muss sich aber jeder Betrieb fragen, ob
seine Leistung oder sein Produkt nicht früher oder später
substituiert wird, durch schlauere Lösungen zu günstigeren
Preisen. Das ist im Prinzip die unternehmerische Aufgabe per se, aber
man konnte sich viele Jahre lang in sehr gemütlichen,
expandierenden Märkten bewegen. Das ist nun vorbei. Wir stehen vor
einem Schub an ‚kreativer Zerstörung‘, wie Josef
Schumpeter formuliert hat. Generell werden die klassischen
Industriemärkte durch schnelle Informations- und Servicemärke
abgelöst.
hw: Welche Schritte können Betriebe heute schon unternehmen, um in Zukunft im Markt ganz vorn dabei zu sein?
Horx: ‚Unternehmen‘ gibt es – wie gesagt
– nicht. Aber sie können die Trends verstehen lernen, die
Neukonfiguration der Märkte in der globalen Wissensgesellschaft,
die Bedeutung der Netzwerktechnologie für Produktionsketten
und Kundenstrukturen. Viele Unternehmer tun das instinktiv,
andere leben innerlich noch in der gemütlichen Wirtschaftswelt der
1960er-Jahre. Die Krise ist hier wie ein evolutionärer Prozess:
Die Schwachen, Nichtinnovativen werden ‚ausgelesen‘.
hw: Am 19. November referieren Sie im Rahmen von ‚diwi – Das Forum für Marketing,
Beratung und Personal‘. Was dürfen die Besucher von Ihrem Vortrag erwarten?
Horx: Humor, Schärfe und animierte Bilder, die den Wandel,
in dem wir stecken, auf anschauliche Art illustrieren. Und – wie
ich die Hamburger kenne – eine ziemlich hitzige Diskussion danach.
Informationen
Am 19. November bietet „diwi – Das Forum für
Marketing, Beratung und Personal“ in der Handelskammer neben dem
Referat von Matthias Horx weitere 13 Vorträge und drei Workshops.
Bei dem Kongress stellen auch Wissenschaftler ihre neuesten
Erkenntnisse zur Dienstleistungsbranche vor. Informationen und
Anmeldung unter
www.diwi-forum.de.
hamburger wirtschaft, Ausgabe November
2009