
Matt gestrichenes Papier, brillante Farben, aufwendige Grafiken und sorgsam redigierte Texte – Unternehmen investieren heutzutage viel Zeit und Geld in eine gelungene Präsentation ihrer Bilanzen. Dabei geht es um viel mehr als nur darum, einen der begehrten Preise für den besten Geschäftsbericht zu gewinnen. Peter Poppe, Geschäftsführer der Hamburger Geschäftsberichte GmbH (HGB) weiß um die Bedeutung dieser Publikationen: „Geschäftsberichte stellen längst nicht mehr nur das vergangene Geschäftsjahr dar, sondern mit ihnen wird auch die langfristige Unternehmensstrategie kommuniziert.“ Annual Reports sind nur ein Beispiel dafür, über wie viele Kanäle Unternehmen heute mit ihren Kunden oder Anlegern kommunizieren. Da immer mehr Betriebe auch im Ausland tätig sind und Kunden sowie Investoren in aller Welt ansprechen möchten, werden Webseiten, Newsletter, Produktpräsentationen, Briefe und Berichte immer öfter auf Englisch geschrieben – der „Lingua franca“ der globalisierten Wirtschaft. Doch das ist nicht ohne Tücke: Schreiben in einer fremden Sprache ist schwierig, und beim Übersetzen können wichtige Details verloren gehen. Für internationale Unternehmen ist eine erfolgreiche Kommunikation mit Stakeholdern jedoch entscheidend für ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Worauf sie dabei achten sollten, können sie von Wissenschaftlern der Universität Hamburg erfahren. Dort existiert seit 1999 der Sonderforschungsbereich „Mehrsprachigkeit“. Ein Projekt befasst sich intensiv mit der internationalen Wirtschaftskommunikation von Unternehmen. Gefördert wird der interdisziplinäre Forschungsverbund von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Um den Weg von der Grundlagenforschung in die Anwendung zu fördern, richten viele Sonderforschungsbereiche eigene Transferbereiche ein. Wissenstransfer, das war lange die Domäne der Ingenieurwissenschaften. Doch in Hamburg war man sich einig: Auch die Geisteswissenschaften können anwendungsnah forschen. Dafür wurde 2007 der Transferbereich „Mehrsprachigkeit“ eingerichtet.
„Wir sind der erste geisteswissenschaftliche Transferbereich in ganz Deutschland“, betont Claudia Böttger, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Wirtschaftskommunikation. „Wir sind eines von insgesamt fünf Projekten und arbeiten eng mit Unternehmen zusammen. Mit unseren Dienstleistungen möchten wir deren mehrsprachige Kommunikation verbessern.“ Wichtig ist vor allem, auf sprachlich-kulturelle Unterschiede zu achten, die eine erfolgreiche Kommunikation erschweren können. Nur wenn der „kulturelle Filter“ angewandt wird, kann das, was ein Unternehmen vermitteln will, erfolgreich in eine andere Sprache übertragen werden. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan. Deutsche Unternehmen, so haben die Hamburger Wissenschaftler durch Analyse unzähliger Newsletter, Webseiten, Briefe und Reports herausgefunden, schreiben eher sachlich. Englische Texte hingegen sind mehr dialogorientiert, wodurch sie überzeugender wirken. „Schreibt ein Deutscher auf Englisch, kommt der Text einem englischen Muttersprachler daher oft spröde und kompliziert vor“, beschreibt die als Übersetzerin bei Latham und Watkins LLP tätige Katharina von Kleist, die als Praktikerin beratend am Projekt beteiligt ist, das Problem. Der Transferbereich möchte Mitarbeiter gezielt für eine erfolgreiche Kommunikation auf Englisch schulen und ihnen zugleich zeigen, wie sie von der englischen Sprache auch lernen können. Um ihre Englischkenntnisse zu testen, führen die Experten sogenannte „Sprach-Audits“ durch.
Außerdem bieten sie Fortbildungen zu verschiedenen Themen wie zum Beispiel überzeugendes Argumentieren, Kundendialog und Krisenkommunikation an. Für diese Seminare werden firmeneigene Texte zunächst in einer Projektdatenbank analysiert und dann bearbeitet. Die Ergebnisse der ersten Fortbildungsmodule im Unternehmen zeigen: Die Mitarbeiter schreiben nun wesentlich flüssiger und klarer. Langwierige Nachfragen und sprachliche Missverständnisse werden vermieden, Kosten gespart. Sämtliche Dienstleistungen sind in Zusammenarbeit mit den Transferpartnern World2World und der HGB entwickelt worden. Die Wissenschaftler suchen aber auch weiterhin nach interessierten Unternehmen, um ihre Dienstleistungen auszubauen.