Forschung
Leben in Extremen
Wissenschaftler am Institut für Technische
Mikrobiologie der Technischen Universität Hamburg-Harburg
erforschen Bakterien, die dort leben, wo niemand anders überleben
kann. Die winzigen Anpassungskünstler könnten Produktionsprozesse revolutionieren.
Klirrende Kälte, salziges Wasser, heiße Quellen in der
Tiefsee oder verseuchte Böden – nicht gerade
Wohlfühlfaktoren. Für eine Vielzahl von Bakterien, sogenannte
Extremophile, sind das jedoch die bevorzugten Lebensräume, an die
sie sich perfekt angepasst haben. Die Bakterien tummeln sich in sauren
und alkalischen Böden, gedeihen unter hohem Druck und schaffen es,
in Gestein zu überleben. Für Garabed Antranikian und
sein Team vom Institut für Technische Mikrobiologie an der
Technischen Universität Hamburg-Harburg sind diese
Überlebenskünstler ein faszinierendes Forschungsobjekt.
„Wir haben es vor allem auf die Enzyme aus den Extremophilen
abgesehen“, sagt Ralf Grote, Oberingenieur am Institut. Denn
Enzyme sind Bio-Katalysatoren und beschleunigen als solche chemische
Reaktionen, ohne dabei selbst verbraucht zu werden. Normale Enzyme sind
jedoch recht empfindlich, bei zu hohen Temperaturen versagen sie ihre
nützlichen Dienste. „Enzyme aus Extremophilen sind da
wesentlich widerstands- und anpassungsfähiger“, so Grote.
Biologische Prozesse werden schon heute in vielen Branchen technisch
genutzt. Der Einsatz biotechnologischer Verfahren in Industrieprozessen
wird als weiße oder industrielle Biotechnologie bezeichnet.
Bei Anwendungen im Bereich der Medizin spricht man von roter
Biotechnologie, die grüne Biotechnologie befasst sich mit
Nutzpflanzen. Mit einem weltweiten Marktvolumen von 55 Milliarden Euro
pro Jahr liegt die industrielle Biotechnologie knapp vor der roten mit
48 Milliarden Euro. Der Markt für Produkte der weißen
Biotechnologie wächst viel stärker als der für
konventionelle, chemisch hergestellte Produkte. Hitzeresistente Enzyme
werden beispielsweise in der Herstellung von Geschirrspül- und
Waschmitteln eingesetzt, um selbst die härtesten Pastareste vom
edlen Porzellan zu lösen und Flecken schonender aus der
Seidenbluse zu entfernen. Die Fähigkeit bestimmter Enzyme aus
säureliebenden Bakterien, Erzmineralien in Salze umzuwandeln, wird
in der sogenannten „Biolaugung“ zur Gewinnung von
Schwermetallen wie Kupfer und Zink genutzt. Auch bei der Vitamin-,
Zucker- und Aspartamherstellung sowie bei der Produktion von
Antibiotika setzt die Industrie auf die Vorteile der Biokatalyse:
Enzyme sind als natürliche Katalysatoren biologisch abbaubar. Bei
ihrer Arbeit kommen sie ohne Schwermetalle oder hohen Druck aus und
hinterlassen keine Nebenprodukte.
Chemische Prozesse werden effizienter und umweltfreundlicher.
„BASF setzt bei der Herstellung von Vitamin B2 heute auf einen
biotechnischen Prozess und hat seinen Kohlendioxidausstoß damit
um ein Drittel und seine Abfälle um 95 Prozent verringern
können“, sagt Grote. Das Unternehmen spart dadurch Kosten
und senkt die Umweltbelastung. Von rund 7 000 in der Natur vorkommenden
Enzymen werden jedoch erst 100 industriell genutzt, das Potenzial
für weitere Entdeckungen ist groß. „Gerade die extrem
angepassten Mikroorganismen haben außerordentliche
Fähigkeiten, die für die Industrie sehr interessant
sind“, betont Grote. Bestimmte kälteliebende Bakterien bauen
Bestandteile von Ölen ab, andere ernähren sich vorzugsweise
von Industrieabwässern und werden zur Reinigung verseuchter
Böden gezüchtet. Mit der weißen Biotechnologie
können Umweltverschmutzungen aber auch schon während der
Produktion vermieden werden. Abfallstoffe können bei der
Produktion zersetzt und unschädlich gemacht werden. Um die Enzyme
dieser kleinen Helfer in ausreichenden Mengen herzustellen, wird der
für die Produktion des gewünschten Enzyms zuständige
Abschnitt des Erbgutes in einen Wirtsorganismus eingebaut. Durch
Fermentation erhalten die Harburger Forscher die benötigte Menge
an Enzymen, die dann beispielsweise mit Membranen aufgereinigt werden.
Neben der Suche nach immer neuen exotischen Bakterien setzt sich das
Institutsteam auch stark für die Bildung von Netzwerken zwischen
Wissenschaft und Wirtschaft ein. Mit Erfolg: Das Cluster
„Biokatalyse 2021 - Nachhaltige Biokatalyse auf neuen
Wegen“, das von Garabed Antranikian und Helmut Thamer von der
Tutech Innovation GmbH koordiniert wird, ist einer der fünf
Gewinner des Bundeswettbewerbs Bioindustrie 2021. „15
Großunternehmen, 19 kleine und mittelständische Firmen sowie
25 Forschungsgruppen sind in derzeit 15 Projekten engagiert“,
sagt Grote. Eines der Unternehmen aus Norddeutschland ist die
Sternenzym GmbH & Co. KG aus Ahrensburg. „Wir suchen nach
stabilen Enzymen für die Lebensmittelproduktion und können
hierfür auf viel Know-how im Cluster zurückgreifen“, so
Lutz Popper, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung und einer
der Projektkoordinatoren. Um Spin-offs aus der Wissenschaft zu
fördern, wird sogar ein eigener Beteiligungsfonds für die
industrielle Biotechnologie im Hamburger Gründerfonds aufgelegt.
Besonders stolz ist man in Harburg auf die „Biocat
Collection“, eine internationale Sammlung von Biokatalysatoren
für Wirtschaft und Wissenschaft. Dort sind zurzeit rund 300 Enzyme
aus Hochschulen und Forschungsinstituten katalogisiert, die bei Bedarf
produziert und an Industrie und Forschung versandt werden. Ziel ist es,
die Markteinführung von neuen biotechnologischen Produkten und
Prozessen deutlich zu beschleunigen.
hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2009