Integration
Die Sozial-Helfer
Soziale Dienstleistungen haben Konjunktur. In Zeiten der Wirtschaftskrise bieten sie auch für Existenzgründer gute Chancen für den Einstieg in die Selbstständigkeit.
Kurzarbeit, Konjunkturpakete, Insolvenzen – es vergeht kaum ein
Tag, an dem die Zeitungen nicht über die Folgen der
Wirtschaftskrise berichten. Um so wichtiger sind in diesen schwierigen
Zeiten positive Signale. Und die kommen aus einer Branche, die
gemeinhin nicht als Konjunkturmotor gilt: Während andere Bereiche
Arbeitsplätze abbauen, kann der soziale Dienstleistungssektor auf
eine gesteigerte Nachfrage blicken. Das belegen auch Zahlen der
Bundesagentur für Arbeit. Danach sind bundesweit derzeit rund 17
000 Stellen im Bereich der Altenpflege und Sozialarbeit noch unbesetzt.
Das sind Steigerungsraten von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr und
ein klares Zeichen für den gestiegenen Bedarf.
Eine Entwicklung, die auch Existenzgründern zugute kommen sollte,
meint Hamburgs Sozial- und Gesundheitssenator Dietrich Wersich.
„Von der Nachfrage profitieren nicht nur bereits am Markt
etablierte Firmen, sondern sie schafft auch Möglichkeiten für
Neueinsteiger.“ Dass Geschäftsideen im sozialen Bereich
Konjunktur haben, ist nicht zuletzt auf gesellschaftliche
Veränderungen zurückzuführen. In einer Gesellschaft, die
im Durchschnitt stetig altert, werden auch die Ansprüche andere.
Das bietet Chancen für neue Märkte. So schätzt das
Statistische Bundesamt, dass allein bis zum Jahr 2030 die Anzahl der
Pflegebedürftigen um fast 60 Prozent zunehmen wird.
Während man früher mit sozialen Dienstleistungen vor allem
die klassischen Bereiche wie Altenpflege oder ambulante Pflege
assoziierte, hat sich das Bild der Branche heute gewandelt. Inzwischen
zählen auch Lebens- und Krisenberatung, Krankheitsvorsorge und
Leistungen für Kinder- und Jugendliche dazu. Aber auch Bereiche
wie zum Beispiel die Integration von Menschen mit Behinderungen spielen
eine immer bedeutendere Rolle. Ralph Raule hat eine der zahlreichen
Marktlücken für sich entdeckt. Zusammen mit seinem
Geschäftspartner Knut Weinmeister gründete er 2003 das
Unternehmen „Gebärdenwerk“. Die Geschäftsidee:
Texte aller Art in Gebärdensprache zu übersetzen und für
Internetseiten, Museumsführer und Schulbücher aufzuarbeiten.
Trotz Wirtschaftskrise läuft das Geschäft für die beiden
Jungunternehmer gut. „Die Auswirkungen spüren wir noch
nicht“, sagt Raule, „ganz im Gegenteil: Unsere
Auftragsbücher sind voll.“ Noch nutzen vor allem staatliche
Organisationen die Gebärdenwerk-Angebote, doch auch bei
Unternehmen sieht Geschäftsführer Raule großen Bedarf:
„Ob bei Webseiten, im Fernsehen oder bei Büchern –
viele Gehörlose werden von diesen Angeboten ausgeschlossen.“
Er ist sich sicher: „Würden Firmen ihre Angebote auch
Menschen mit Behinderungen zugänglich machen, würden sie neue
Kunden hinzugewinnen.“ Aber auch die klassischen sozialen
Dienstleistungen werden immer wichtiger. So zum Beispiel die Arbeit der
Evangelischen Stiftung Alsterdorf. 1850 von Pastor Heinrich Matthias
Sengelmann gegründet, engagiert sich das gemeinnützige
Unternehmen heute in allen sozialen Bereichen – angefangen bei
der Pflege über die Erziehung bis hin zur Stadtteilarbeit. Einen
Schwerpunkt bildet dabei die Integration behinderter Menschen in den
Arbeitsmarkt. „Unser Leitbild ist, dass jeder Mensch zu
produktiver Arbeit fähig ist, und danach handeln wir auch“,
sagt Vorstandsvorsitzender Hanns-Stephan Haas. Seit 2005
präsentiert sich die Stiftung in einer neuen Organisation:
„Wir haben uns eine Holdingstruktur mit selbstständigen,
gemeinnützigen Gesellschaften zugelegt“, sagt Haas. So wolle
man Kundennähe und die Flexibilität der Dienstleistungen
weiter verbessern.
Eine dieser eigenständigen Gesellschaften ist die Alsterarbeit
gGmbH. Sie bietet Arbeits- und Beschäftigungsangebote für
Menschen mit Handicaps aller Art. In den unterschiedlichen
Betriebsstätten wird Metall verarbeitet, werden Holzspielzeugautos
entworfen, wird getöpfert und montiert. Außerdem bietet die
Alsterarbeit gGmbH den Beschäftigten umfangreiche Förder- und
Qualifizierungsangebote an.
Auch wenn Geschäftsideen im sozialen Bereich vielseitig und
kreativ sein können, reicht das allein heute nicht mehr aus: Ob
als Leiter eines ambulanten Pflegedienstes oder als Tagesmutter
– wer sich selbstständig machen möchte, der muss vieles
beachten. Neben sozialem Engagement und Einfühlungsvermögen
sind Fachkompetenz und betriebswirtschaftliche Kenntnisse über
Finanzierung, Marketing und Kundenakquise gefragt. Zukünftige
Firmengründer müssen deshalb auch die Wettbewerbssituation
berücksichtigen. Eine Unternehmensgründung muss darum
sorgfältig durchdacht sein. So sollte die Firma möglichst
etwas Einmaliges anbieten. Ausführliche Beratungen und Hilfe
erhalten Existenzgründer bei der Handelskammer, den
Berufsverbänden und regionalen Gründerinitiativen.
hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2009