Handelskammer Hamburg 2009

< zurück

Integration

Die Sozial-Helfer

Soziale Dienstleistungen haben Konjunktur. In Zeiten der Wirtschaftskrise bieten sie auch für Existenzgründer gute Chancen für den Einstieg in die Selbstständigkeit.
Kurzarbeit, Konjunkturpakete, Insolvenzen – es vergeht kaum ein Tag, an dem die Zeitungen nicht über die Folgen der Wirtschaftskrise berichten. Um so wichtiger sind in diesen schwierigen Zeiten positive Signale. Und die kommen aus einer Branche, die gemeinhin nicht als Konjunkturmotor gilt: Während andere Bereiche Arbeitsplätze abbauen, kann der soziale Dienstleistungssektor auf eine gesteigerte Nachfrage blicken. Das belegen auch Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Danach sind bundesweit derzeit rund 17 000 Stellen im Bereich der Altenpflege und Sozialarbeit noch unbesetzt. Das sind Steigerungsraten von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein klares Zeichen für den gestiegenen Bedarf.

Eine Entwicklung, die auch Existenzgründern zugute kommen sollte, meint Hamburgs Sozial- und Gesundheitssenator Dietrich Wersich. „Von der Nachfrage profitieren nicht nur bereits am Markt etablierte Firmen, sondern sie schafft auch Möglichkeiten für Neueinsteiger.“ Dass Geschäftsideen im so­zialen Bereich Konjunktur haben, ist nicht zuletzt auf gesellschaftliche Veränderungen zurückzuführen. In einer Gesellschaft, die im Durchschnitt stetig altert, werden auch die Ansprüche andere. Das bietet Chancen für neue Märkte. So schätzt das Statistische Bundesamt, dass allein bis zum Jahr 2030 die Anzahl der Pflegebedürftigen um fast 60 Prozent zunehmen wird.

Während man früher mit sozialen Dienstleistungen vor allem die klassischen Bereiche wie Altenpflege oder ambulante Pflege assoziierte, hat sich das Bild der Branche heute gewandelt. Inzwischen zählen auch Lebens- und Krisenberatung, Krankheitsvorsorge und Leistungen für Kinder- und Jugendliche dazu. Aber auch Bereiche wie zum Beispiel die Integration von Menschen mit Behinderungen spielen eine immer bedeutendere Rolle. Ralph Raule hat eine der zahlreichen Marktlücken für sich entdeckt. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Knut Weinmeister gründete er 2003 das Unternehmen „Gebärdenwerk“. Die Geschäftsidee: Texte aller Art in Gebärdensprache zu übersetzen und für Internetseiten, Museumsführer und Schulbücher aufzuarbeiten. Trotz Wirtschaftskrise läuft das Geschäft für die beiden Jungunternehmer gut. „Die Auswirkungen spüren wir noch nicht“, sagt Raule, „ganz im Gegenteil: Unsere Auftragsbücher sind voll.“ Noch nutzen vor allem staatliche Organisationen die Gebärdenwerk-Angebote, doch auch bei Unternehmen sieht Geschäftsführer Raule großen Bedarf: „Ob bei Webseiten, im Fernsehen oder bei Büchern – viele Gehörlose werden von diesen Angeboten ausgeschlossen.“ Er ist sich sicher: „Würden Firmen ihre Angebote auch Menschen mit Behinderungen zugänglich machen, würden sie neue Kunden hinzugewinnen.“ Aber auch die klassischen sozialen Dienstleistungen werden immer wichtiger. So zum Beispiel die Arbeit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. 1850 von Pastor Heinrich Matthias Sengelmann gegründet, engagiert sich das gemeinnützige Unternehmen heute in allen sozialen Bereichen – angefangen bei der Pflege über die Erziehung bis hin zur Stadtteilarbeit. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt. „Unser Leitbild ist, dass jeder Mensch zu produktiver Arbeit fähig ist, und danach handeln wir auch“, sagt Vorstandsvorsitzender Hanns-Stephan Haas. Seit 2005 präsentiert sich die Stiftung in einer neuen Organisation: „Wir haben uns eine Holdingstruktur mit selbstständigen, gemeinnützigen Gesellschaften zugelegt“, sagt Haas. So wolle man Kundennähe und die Flexibilität der Dienstleistungen weiter verbessern.

Eine dieser eigenständigen Gesellschaften ist die Alsterarbeit gGmbH. Sie bietet Arbeits- und Beschäftigungsangebote für Menschen mit Handicaps aller Art. In den unterschiedlichen Betriebsstätten wird Metall verarbeitet, werden Holzspielzeugautos entworfen, wird getöpfert und montiert. Außerdem bietet die Alsterarbeit gGmbH den Beschäftigten umfangreiche Förder- und Qualifizierungsangebote an.

Auch wenn Geschäftsideen im sozialen Bereich vielseitig und kreativ sein können, reicht das allein heute nicht mehr aus: Ob als Leiter eines ambulanten Pflegediens­tes oder als Tagesmutter – wer sich selbstständig machen möchte, der muss vieles beachten. Neben sozialem Engagement und Einfühlungsvermögen sind Fachkompetenz und betriebswirtschaftliche Kenntnisse über Finanzierung, Marketing und Kundenakquise gefragt. Zukünftige Firmengründer müssen deshalb auch die Wettbewerbssituation berücksichtigen. Eine Unternehmensgründung muss da­rum sorgfältig durchdacht sein. So sollte die Firma möglichst etwas Einmaliges anbieten. Ausführliche Beratungen und Hilfe erhalten Existenzgründer bei der Handelskammer, den Berufsverbänden und regionalen Gründerinitiativen.
Heiko Meinssen
heiko.meinssen@hk24.de
Telefon 36 13 8 329

hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2009