Marketing
Qualität statt Massenware
Marketingkonzepte müssen in Zeiten der Krise
neu überdacht werden, denn viele Unternehmen müssen mit einem
knapperen Budget auskommen, wünschen sich dafür aber mehr
Effizienz und kreativeIdeen. Gezielte Kundenansprache wird darum immer wichtiger.
Gestern Verkaufsschlager, heute schon Ladenhüter: In
wirtschaftlich schwierigen Zeiten mag diese Erkenntnis so mancher
Unternehmer gewonnen haben. Ob Produkt oder Dienstleistung – die
stabilen Gesetze des Marktes sind seit der Wirtschaftskrise
kräftig durcheinandergeraten. Doch gerade jetzt gilt es, mit
Tatkraft und Innovation gegenzusteuern und die eigenen
Marketingaktivitäten anzupassen. Gefragt ist vor allem eine
zielgenaue Ansprache der Kunden ohne große Streuverluste. Wer auf
bunte Flyer setzt, die in jedem Briefkasten landen, kämpft auf
verlorenem Posten. Denn die meist billig wirkenden Werbeträger,
mit denen um die Gunst des potenziellen Kunden gebuhlt wird, sind ihr
Geld nicht wert - und das Erfolgsergebnis ist dürftig. „In
dieser Zeit sind schnelle Massenaussendungen tabu, der Kunde will
Qualität“, erklärt Anke Menyesch, Inhaberin der
gleichnamigen PR-Agentur. Zu den Massenaussendungen via Datenautobahn
gehören vor allem Mailings. Doch wer liest heutzutage noch bei der
täglichen Flut in der eigenen Mailbox die gut gemeinten
Botschaften des Absenders? „Mailings gehen komplett unter und
werden letztlich nur weggedrückt“, weiß Anke Menyesch.
Ausnahme sind allerdings Mailings in kleinen Glasflaschen. Diese
Werbeidee der Firma Navigator aus Seevetal im Landkreis Harburg hat
sich als großer Renner entpuppt. Zu den Kunden gehören unter
anderem Hamburger Reedereien, die zu Messen oder Betriebsfesten per
Glasflasche im farbigen Karton einladen. Die Flaschenpost gibt es auch
als preiswertere Kunststoffalternative im bunten Design. „Viele
Kunden wünschen sich Extras wie Muscheln in der Flaschenpost oder
möchten Gummibärchen im Karton dazugelegt haben. Wir regeln
das, auch den kompletten Versand auf dem Postweg. Das Produkt kommt
sehr gut an“, sagt Navigator-Geschäftsführer Jörn
Maschewski.
Das Prinzip, nach dem Marketingangebote wie mit einer Gießkanne
gleichmäßig über die gesamte Zielgruppe verteilt
werden, ohne möglicherweise unterschiedliche Einzelfälle
anders zu gewichten, hat offenbar ausgedient. Stattdessen heißt
es: Es lebe die individuelle Kundenansprache! Dieses Prinzip gilt auch
für die Medienwelt. Agenturen, die in der Medienbranche über
ausgezeichnete Kontakte und Netzwerke in einer bestimmten Branche
verfügen, werden seit Beginn der Krise besonders gern als
Auftragnehmer für die Umsetzung von Marketingkonzepten genommen.
„Inhaltliche Tiefe und eine breit gefächerte Beratungsbreite
im Cross-Media-Bereich sind von großer Bedeutung“,
bestätigt Wiebke Reimers, Inhaberin der Agentur Ten East in
Altona. Diese Kommunikation einer Werbebotschaft über mehrere
Kanäle – von der Tageszeitung bis hin zum Web 2.0 und einem
interaktiven Blog zwischen Unternehmen und Kunden – wird oftmals
durch weitere sogenannte Player ergänzt. Wiebke Reimers:
„Die Nachfrage nach Kooperationspartnern, die sich für
Marketingaktivitäten zusammenschließen, hat zugenommen.
Unsere Kunden wollen Konzepte, die alle Möglichkeiten abdecken.
Ein kompetentes Agenturteam mit vielen unterschiedlichen Schwerpunkten
hat jetzt gute Chancen, auf diese veränderten Kundenwünsche
optimal reagieren zu können.“
Die Ausarbeitung innovativer Marketingstrategien und deren Umsetzung
hat allerdings auch ihren Preis – und den wollen oder können
einige Unternehmen nicht mehr bezahlen. Viele Auftraggeber der
Agenturen haben über den Jahreswechsel ihre Budgets zum Teil
drastisch heruntergefahren und tun sich nun schwer, gleichzeitig auch
ihren Leistungskatalog zu kürzen. Wer einen Mini bestellt, bekommt
jedoch keinen Mercedes geliefert. „Da hilft nur ein gemeinsames
Gespräch, um zu prüfen, wie und wo Kosten im Marketingbudget
eingespart werden können. Es geht oft darum, erst einmal auch
kleine Lösungen anzubieten und sich dann zu einem späteren
Zeitpunkt über die Erweiterung von Marketingmaßnahmen und
deren Finanzierung zu unterhalten“, so Barbara Kliesch von der
Hamburger Agentur Raike. Sie rät dazu, auch im eigenen Haus die
Kostenstruktur im Sach- und Personalbereich kritisch zu
überprüfen und die Agenturkompetenzen in
teamübergreifenden Arbeitsgruppen zu bündeln. Auf eine
Kostenreduzierung setzt auch Anke Menyesch, hat dabei aber die
Redaktionen von Zeitschriften und Zeitungen im Visier. Die
Rotstift-Zeiten sind in den Verlagshäusern schon längst
angekommen, Redaktionen wurden verkleinert und Budgets zum Beispiel
für Reisekosten gekappt. Wie kann man aber die Journalisten als
wichtige Transporteure von Werbung für Produkte oder
Dienstleistungen erreichen? Schließlich schreiben sie die
Artikel, die von den potenziellen Kunden gelesen werden. Eine Einladung
direkt in das Unternehmen zu senden, ist, wenn es nicht in Hamburg
angesiedelt ist, ein aussichtsloses Unterfangen, weil es viel Zeit und
Reisegeld kostet. In ihrer Agentur in der Nähe des Chilehauses hat
die PR-Expertin deshalb einen „Showroom“ eingerichtet. Hier
werden bei Häppchen und Kaffee neue Produkte ihrer Kunden
präsentiert und von den Journalisten vor Ort getestet. Die kommen
gern zu diesen kleinen Runden und genießen die private
Atmosphäre.
hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2009