Interview: Benjamin Piwko
Es geht aufwärts, aber eben Stufe für Stufe
Benjamin Piwko ist freiberuflicher
Kampfsporttrainer – und gehörlos. Die hamburger
wirtschaft sprach mit ihm über dieses Handicap, das er als
Chance sah, und über andere Hindernisse, die
Existenzgründer zu überwinden haben.
hamburger wirtschaft:
Was unterrichten Sie, und wer ist Ihre Zielgruppe?
Benjamin Piwko:
Ich unterrichte Wun Boxing Thai Style, kurz WTB Defence Training. WTB
ist ein von mir entwickelter Stil, eine Mischung aus Kampfkunst und
Kampfsport – für innere Ausgeglichenheit, Kontrolle
und Bewusstsein und gleichzeitige Steigerung der Ausdauer. Meine Kunden
kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und
Altersklassen. Ich unterrichte Kinder und Erwachsene.
hw:
Erzählen Sie uns etwas über Ihr Leben und Ihre
Ausbildung?
Piwko: Ich
bin als Kleinkind durch eine Infektionskrankheit gehörlos
geworden. Durch eine lange und ziemlich harte Ausbildung in der Schweiz
habe ich gelernt, zu sprechen und von den Lippen abzulesen. Erst als
14-Jähriger habe ich die Gebärdensprache erlernt.
Obwohl ich zunächst Tischler gelernt habe, war es schon immer
mein Traum, mein Geld im Sport und insbesondere im Kampfsport zu
verdienen. Schon als Kind habe ich verschiedenste Kampfsportarten
ausprobiert und über die Jahre viel Erfahrung
gesammelt. Nach meiner Ausbildung habe ich zunächst als
Stuntfighter und Choreograf gearbeitet. 2004 bin ich nach Hawaii
gegangen, um meine Ausbildung zu vervollständigen. Dort habe
ich auch WBT als eigenständige Kampfkunst weiterentwickelt und
angefangen zu unterrichten.
hw: Wie
konnten Sie sich bisher finanzieren?
Piwko:
Kapitalbedarf hatte ich anfangs relativ wenig, da ich mein Training in
gemieteten Dojos (Anmerk. d. Red: Trainingsräume für
Kampfkünste) und gelegentlich im Freien anbiete. Daher bezahle
ich Miete, habe aber keine Ausgaben für Personal. Ich bekomme
noch etwas Einstiegsgeld von der Arge (Anmerk. d. Red: Hamburger
Arbeitsgemeinschaft Sozialgesetzbuch II). Jeden Monat muss ich dort
meine Buchführung vorlegen. Zum Glück habe ich
Freunde, die selbstständig sind und mich im
Kaufmännischen unterstützen.
hw:
Läuft Ihr Geschäft gut?
Piwko: Ja
und nein. Die meisten meiner Schüler haben
Jahresverträge. Es gibt natürlich Kunden, die durch
Arbeitsplatzwechsel nicht wiederkommen können oder nicht mehr
zu den Zeiten, die ich anbieten kann. Krankheiten oder private
Veränderungen kommen hinzu. Also geht es zwar
aufwärts, aber eben Stufe für Stufe. Man muss Geduld
haben, was auch mir manchmal schwerfällt.
hw: Was war
bislang Ihr größter Erfolg?
Piwko: Ich
habe einen kleinen Schüler, ungefähr sechs Jahre alt.
Dieser Junge war anfangs sehr unruhig, unkonzentriert und gegen seine
Umwelt und sich selbst aggressiv. Und er hat gebissen. Aber er wollte
unbedingt bei mir trainieren, und sein Ziel war ein schwarzer
Gürtel. Ich habe viel mit ihm geübt, um Wege zu
finden, wie er mit seiner Wut umgehen kann, und ihm klargemacht, dass
nur Leute, die nicht beißen, einen schwarzen Gürtel
bekommen können. Danach ist er ruhiger geworden und kann sich
schon eine kleine Weile am Stück konzentrieren. Ich freue mich
sehr, dass ich ihm helfen kann.
hw: Gab es
auch Rückschläge?
Piwko: Ja,
immer mal treten Kommunikationsschwierigkeiten auf. Damit meine ich
aber nicht meine Gehörlosigkeit. Ich selbst muss immer wieder
lernen, wie andere Menschen ‚ticken‘, und Geduld
haben. Es ist auch für mich eine harte Prüfung.
Anders als bei einem Arbeitnehmer ist es wichtig, immer eine hohe
Konzentration auf das Unternehmen zu haben, auch wenn es nur ein ganz
kleines Unternehmen ist.
hw: Haben
Sie wegen Ihrer Gehörlosigkeit eventuell
größere Schwierigkeiten als andere Gründer?
Piwko:
Sicher, Erwachsene haben manchmal große Blockaden und tun
sich schwer mit dem Gedanken, jemanden als Trainer anzunehmen, der
gehörlos ist. Dann reduziert sich alles auf meine
Gehörlosigkeit, was ärgerlich ist und manchmal auch
kränkend. Ich biete meinen Kunden ein oder mehrere
Probetrainings an, bei denen sie bald merken, ob sie mit mir als Mensch
gut arbeiten können. Die Gehörlosigkeit ist dann
zweitrangig. Kinder haben sowieso weniger Probleme damit.
hw: Das
klingt dennoch schwierig …
Piwko: Das
mag sein, aber ich habe auch Vorteile. Ich kann mich besser
konzentrieren, weil ich weniger abgelenkt werde, und habe eine andere
Weitsicht als hörende Trainer. Ich glaube, dass ich meistens
entspannter und fokussierter bin und gleichzeitig eine
große Power ausstrahle. Im Training ist meine
Gehörlosigkeit kein Problem.
hw: Wie
betreiben Sie Marketing?
Piwko: Auf
meiner Internetseite
www.wbtdefence.com
können sich die Leute
umfassend informieren. Außerdem werbe ich mit Flyern.
hw: Welche
Tipps würden Sie anderen Gründern mit auf den Weg
geben?
Piwko: Es
ist sehr wichtig, sich immer wieder geduldig mit dem Markt
auseinanderzusetzen. Wer sich für die
Selbstständigkeit entscheidet, muss unbedingt schauen, was am
wichtigsten ist. Ich zum Beispiel muss immer die Studiomiete
aufbringen können, weil ich sonst nicht arbeiten
kann. Es ist wirklich wichtig, Rücklagen zu bilden und
vorausschauend zu kalkulieren. Und man darf eingenommenes Geld nicht
vorschnell ausgeben. Andernfalls ist es schnell vorbei mit der
Selbstständigkeit. Und übrigens: Es ist auch wichtig,
daran zu denken, dass man von den Kunden jederzeit gesehen werden kann.
Wenn ich lustlos zum Training schlurfe, haben die Schüler auch
keine Lust zu trainieren. Außerdem ist für mich wie
auch für hörende Existenzgründer die
Körpersprache sehr wichtig. Vor allem aber darf man Lebenslust
und Humor nicht verlieren!
hamburger wirtschaft, Ausgabe
Dezember 2009