Haushalt
„Wir leben über unsere
Verhältnisse“
Hamburg ist eigentlich eine reiche
Stadt: Aktuell über 7,5 Milliarden Euro betragen
jährlich die Steuereinnahmen. Dennoch hat die Verschuldung
längst eine nicht mehr vertretbare Höhe erreicht,
weil deutlich mehr ausgegeben als eingenommen wird.
Schon lange dauert er an, der finanzielle Verfall. Bereits Ende der
1980er-Jahre hat die Wirtschaft auf die bedrohlichen strukturellen
Haushaltsprobleme hingewiesen. Bislang Versäumtes muss nun um
so drastischer nachgeholt werden. Die volle Finanzierung von
Investitionen durch Kredite ist seit Jahrzehnten
selbstverständlich. Seit 1980 wurde nur 1989 und 2008
geringfügig weniger ausgegeben als eingenommen. Steuerten
früher die Betriebshaushalte Überschüsse zur
Mitfinanzierung der Investitionen bei, decken heute die laufenden
Einnahmen zumeist nicht einmal mehr die laufenden Ausgaben.
2008 verzeichnete Hamburg mit 8,8 Milliarden Euro die historisch
höchsten Steuereinnahmen seiner Geschichte. Als Folge wurden
die Ausgaben den erheblich gestiegenen Einnahmen angepasst. Statt
vorsorgend zu sparen, wurden vor und nach der Wahl neue Projekte
aufgelegt. So besteht derzeit im Betriebshaushalt nach Angaben des
Senates ein strukturelles Defizit von mehr als 500 Millionen Euro pro
Jahr. Ohne Gegenmaßnahmen würde dieses
„strukturelle Loch“ ab 2014 wohl auf mehr als eine
Milliarde Euro jährlich anwachsen. Aber das ist noch nicht die
ganze Wahrheit: Allein in diesem Jahr fehlen dem Haushalt mehr als 2
Milliarden Euro, 2011 werden es schon rund 2,2 Milliarden sein. In den
kommenden zehn Jahren macht diese Gesamtlücke etwa 13
Milliarden Euro aus – sie soll durch neue Kreditaufnahmen und
eine sogenannte Vermögensmobilisierung gedeckt werden. Eine
konsequente Haushaltssanierung muss aber auch diese Schulden und einen
Vermögensverzehr verhindern.
Hamburgs derzeitig ausgewiesene Verschuldung in Höhe von rund
26 Milliarden Euro ist das gravierendste Haushaltsproblem. Sie hat
einen historischen Höchststand erreicht und wird mittelfristig
sogar noch weiter ansteigen. Zum Vergleich: 1980 belief sich der
Schuldenstand auf knapp 6 Milliarden Euro. Der Senat sieht von 2009 bis
2013 noch einmal Kredite von weit über 10 Milliarden Euro vor.
Zwar nicht im Kern-, dafür aber in Nebenhaushalten wie zum
Beispiel bei den Sondervermögen „Schulbau“
und „Konjunkturförderung“ –
allein in diesen beiden Bereichen liegen Kreditermächtigungen
von über 2,1 und 5,7 Milliarden Euro vor. Sollte der
Kreditrahmen voll ausgeschöpft werden, erhöht sich
die in vier Jahrzehnten aufgelaufene Verschuldung innerhalb weniger
Jahre um mehr als ein Drittel. Ein Großteil der Verschuldung
ist darauf zurückzuführen, dass Hamburg in den
vergangenen 40 Jahren etwa 32 Milliarden Euro mehr ausgegeben als
eingenommen hat. Finanziert wurde das mit Krediten in Höhe von
26 Milliarden Euro und der Veräußerung von
„Tafelsilber“, womit zum Beispiel Anteile an
Unternehmen wie der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) und den
ehemaligen Hamburgischen Elektricitätswerken (HEW) gemeint
sind.
Die Pro-Kopf-Verschuldung eines jeden Hamburgers schlägt
derzeit mit rund 18 000 Euro zu Buche – die Kredite des
Bundeshaushaltes noch gar nicht eingerechnet. Eine langfristige
Betrachtung der Kreditaufnahmen verdeutlicht, dass die Krediteinnahmen
der Stadt in der Summe keine Gestaltungsmöglichkeiten gebracht
haben. So flossen der Stadt seit 1970 durch Kredite finanzielle
Einnahmen von gut 21 Milliarden Euro zu, im gleichen Zeitraum gab es
aber Zinszahlungen in Höhe von 25,5 Milliarden Euro.
Eine Hochrechnung bis zur Mitte dieses Jahrzehntes zeigt, dass die
Stadt seit 1970 rund 81,5 Milliarden nur für Zinsen
aufgebracht haben muss. Aktuell zahlt Hamburg jährlich mehr
als eine Milliarde Euro, was mehr als 10 Prozent der laufenden
Betriebsausgaben entspricht. Pro Stunde(!) bezahlt die Stadt also mehr
als 118000 Euro Zinsen, immerhin ein Wagen der Luxusklasse pro Stunde
oder 24 pro Tag. Noch drastischer ausgedrückt: Die Zinsen der
Stadt verschlingen jede Stunde das Dreifache dessen, was ein
Angestellter im Einzelhandel durchschnittlich brutto in einem Jahr
verdient.
Erst die 2006 für die Stadt eingeführte
kaufmännisch orientierte Rechnungslegung mit einer
transparenten Darstellung von Abschreibungen,
Pensionsrückstellungen, Veräußerungen und
Auslagerungen offenbart Hamburgs realen Finanzaufwand: Vom Eigenkapital
(laut Eröffnungsbilanz 2006 4 Milliarden Euro) sind derzeit
nur noch rund 60 Millionen Euro oder 1,5 Prozent des Anfangskapitals
übrig. Dabei schlagen auch die Wertverluste im
städtischen Vermögen durch Abschreibungen auf
Finanzanlagen zu Buche. Aber auch ohne solche
„Sondereffekte“ hätte das Jahr 2008 noch
mit einem Verlust von rund 280 Millionen Euro abgeschlossen.
Die Höhe der Pensionsverpflichtungen der Stadt beziffern sich
allein im Kernhaushalt auf mehr als 18 Milliarden Euro. Allerdings ist
der Barwert dieser Verpflichtung mit dem derzeit steuerlichen Zinssatz
von 6 Prozent abgezinst. „Allein durch die nach dem
Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz vorgeschriebene Abzinsung mit dem
Marktzinsfuß wird dieser Wert in kommenden Bilanzen
realitätsnäher und erheblich höher
ausgewiesen werden müssen“, prophezeit
Wirtschaftsprüfer Wolfgang Kemsat, Landespräsident
der Wirtschaftsprüferkammer Hamburg. „Die Folge ist,
dass sich ein deutlicher Verlust und damit ein negatives Eigenkapital
ergeben wird.“
Eine Klarheit wie bei der Transparenz zukünftiger
Verpflichtungen in der Bilanz der Stadt sollte auch im Sprachgebrauch
zur Finanzpolitik Einzug halten. „Sparen bedeutet nicht,
weniger auszugeben als ursprünglich geplant, sondern Geld
nicht auszugeben und beiseitezulegen“, stellt Hans-Henning
Bernhardt, Vorsitzender des Handelskammer-Ausschusses für
Steuer- und Finanzpolitik klar. „Tatsache ist: Wir leben
heute zulasten unserer Kinder über unsere
Verhältnisse.“
Zu einer für alle verständlichen Sprache
gehört auch, die Aufnahme von Krediten nicht durch die
Verwendung des Begriffes „Sondervermögen“
schönzureden oder den Verkauf von Tafelsilber mit dem Wort
„Vermögensmobilisierung“ zu verschleiern.
Durch klare Darstellung der wahren Finanzsituation wird die Akzeptanz
für tief greifende Einsparungen bei allen Beteiligten sicher
erhöht. Was die Zumutbarkeit von
„Einschnitten“ betrifft, ist das
Verständnis der Bürger dann wahrscheinlich
größer als von Politikern angenommen.
Hans-Henning Bernhardt ist überzeugt: „Wenn die
Einnahmen nicht ausreichen, um den bisherigen Ausgabenstandard zu
finanzieren, müssen auch lieb gewonnene Standards,
Gewohnheiten und Einrichtungen überprüft
werden.“ Eine durchgreifende kritische
Überprüfung aller von der Stadt wahrgenommenen
Aufgaben sei unumgänglich. „Denn ohne Einschnitte,
die alle Bereiche betreffen, wird es keine Konsolidierung geben
können. Ausgabendisziplin ist das höchste Gebot der
Stunde.“
Dr. Claus Liesner, Geschäftsführender Gesellschafter
der AMC Asset-Management-Consulting GmbH, der jahrelang ehrenamtlich
für die Stadt gearbeitet hat, unterstreicht: „In der
privaten Wirtschaft ist es selbstverständlich, Investitionen
auf Kosten und Nutzen hin zu analysieren, um Prioritäten
setzen zu können.“ Dazu gehöre auch die
Betrachtung künftiger Zinszahlungen und Betriebskosten des
Investments. „Dies muss auch die Politik für den
öffentlichen Haushalt berücksichtigen.“
Neben Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und Erfolgskontrollen gibt es
für alle Entscheider weitere wichtige Punkte: die Analyse der
Ausgangslage, die Zielbestimmung, die Darstellung des zeitlichen
Ablaufs, die Entwicklung von Alternativen und – vor allem
– die Auswirkungen auf den Haushaltsplan. Dies muss
für alle neuen Gestaltungsvorhaben gelten. Bei der Schulreform
und der diskutierten Stadtbahn wurden diese Aspekte bislang nicht
ausreichend beachtet.
hamburger wirtschaft, Ausgabe
August
2010