Karriere
Frauen starten durch
In Hamburg vernetzen sich immer mehr Frauen in
Businessclubs. Mit strategischer Kontaktpflege wollen sie sich
gegenseitig den Weg für Spitzenpositionen ebnen.
Es war ein trüber Tag, an dem Dorothee Engel feststellen
musste, dass ihr Kollege nicht nur mehr Geld verdiente, sondern sie
auch noch auf der Karriereleiter überholen wollte. Beide hatten
den Job mit der gleichen Qualifikation angetreten. Ihr Kollege war
geschickt darin, seine Karriere voranzutreiben. Er wusste, wie man mit
anderen Männern in Netzwerken klüngelt und in Seilschaften
die richtigen beruflichen Kontakte knüpft – und sie vor
allem auch pflegt. Jemand, der das beherrscht, hat es beim
Aufstieg leichter. Das hat nichts mit Freundschaft zu tun, sondern mit
Interessen. Man trifft sich am Stammtisch, auf dem Golfplatz oder aber
im Businessnetzwerk. Doch was Männer seit Langem als
Strategie nutzen, müssen karrierewillige Frauen erst lernen.
„Und das“, sagt Engel, „geht am Anfang am besten
unter Gleichgesinnten.“
Heute, 20 Jahre später, ist sie Chefin des Hamburger Buchkontors
und arbeitet ehrenamtlich im Vorstand von FIM, der Vereinigung von
Frauen im Management. FIM ist ein branchenübergreifendes
Frauen-Businessnetzwerk, das in Hamburg 55 und bundesweit 150
Mitglieder zählt. In ihrem Club setzt sich Dorothee Engel
unter anderem dafür ein, dass Frauen ihre Interessen durchsetzen.
„Männer dominieren die Chefetagen“, sagt die
50-Jährige. „Um das zu ändern, darf man nicht zu
ängstlich sein und muss schon den Mut haben, den Mund aufzumachen
und Ungerechtigkeiten anzusprechen.“ Hauptsächlich
Managerinnen und Selbstständige treffen sich einmal im Monat in
der DAK-Zentrale und unterstützen sich bei sämtlichen
Fragen des Berufsalltags.
In Hamburg können Frauen in branchenspezifischen und
branchenübergreifenden Frauennetzwerken Mitglied werden. Meist
sind es Selbstständige und Managerinnen, die den Kontakt zu
anderen Frauen in einem Businessclub suchen. Bei den
Veranstaltungen dieser Clubs, die einen Jahresbeitrag zwischen 60 und
150 Euro verlangen, geht es um zielstrebiges Vernetzen. Sie tauschen
Informationen über Unternehmen und Branchen aus, geben Tipps und
öffnen Türen, indem sie sich gegenseitig für bestimmte
Jobs empfehlen. Spezielle Mentoring-Programme unterstützen
besonders Berufsanfängerinnen und Frauen in beruflichen
Umbrüchen.
Eva Verse hatte viele Fragen auf ihrem Weg in die
Selbstständigkeit. Seit fünf Jahren engagiert sie sich
deshalb für das Netzwerk webgrrls.de, das sich hauptsächlich
als virtueller Club für weibliche Fach- und
Führungskräfte in den Neuen Medien versteht. 70
Hamburgerinnen sind dort vernetzt. Als Webdesignerin profitiert Eva
Verse von den bundesweit 700 Mitgliedern, die sich in Mailinglisten
austauschen. In Hamburg treffen sie sich auch zu Vorträgen, die
Themen wie „Geschicktes Gehalts- und
Honorarverhandeln“, „Datenschutz“ und
„Selbstvermarktung“ behandeln. Die 40-Jährige
schätzt das unkomplizierte Miteinander bei webgrrls.de.
„Wenn ich Fragen zum Programmieren habe oder mit technischen
Problemen hadere, kann ich meine Frage ins Netz stellen und bekomme
sofort Hilfe“, sagt sie. „Keiner hat Angst, sich zu
blamieren, und niemand will sich profilieren.“
Um bessere Jobs und um gegenseitiges Empfehlen geht es auch den Frauen
von BPW (Business und Professional Women Hamburg), die ihre Treffen im
Sommer auch schon mal auf ein Segelboot verlegen oder auf den
Golfplatz. BPW ist mit 1 750 bundesweiten Mitgliedern das
größte Karrierenetzwerk von Frauen in Deutschland. 65
Hamburgerinnen aus dem mittleren Management treffen sich auf den
Netzwerkabenden im Hotel Baseler Hof, tauschen sich beim Essen aus und
diskutieren im Anschluss an die Vorträge.
International vernetzt sind die Frauen bei EWMD (European Women’s
Management Development Network), das in Hamburg 53, bundesweit 350
und international 730 Mitglieder zählt. Juliane Chakrabarti,
Leiterin der Hamburger Gruppe, schätzt den Kontakt zu anderen
Frauen in Führungspositionen: „Das gibt Kraft, allein schon,
um im Arbeitsalltag nicht zu versacken.“ Die Leiterin einer
sozialen Einrichtung engagiert sich seit sechs Jahren für EWMD.
Die Mitglieder sehen sich im Renaissance Hotel. Dabei sind es immer
wieder ähnliche Themen, die zur Sprache kommen: dass Frauen immer
nur bis zu einer bestimmten Position aufsteigen, dass sie schlechter
bezahlt werden als Männer, dass sie Probleme haben, Familie und
Beruf unter einen Hut zu bekommen, und dass sie zu wenig in den
Aufsichtsräten mitmischen.
Der VdU (Verband deutscher Unternehmerinnen) fordert eine Frauenquote
von 40 Prozent in den Aufsichtsratsgremien. „Eine solche Quote
wird in Norwegen bereits erfolgreich praktiziert“, sagt die
VdU-Landesvorsitzende für Hamburg und Schleswig-Holstein,
Kristina Tröger. Der Verband, in dem ausschließlich
Unternehmerinnen organisiert sind, bietet zur Qualifizierung
entsprechende Seminare an und führt darüber hinaus
bundesübergreifend eine Datenbank mit
Aufsichtsratskandidatinnen. Aus dieser Datenbank könne nahezu
jede Aufsichtsratsposition „weiblich“ besetzt werden, so
die Unternehmerin.
Der VdU wurde 1954 als Frauennetzwerk ins Leben gerufen. Seinerzeit
waren Verbände oder andere Netzwerke ausschließlich eine
Männerdomäne. Heute sind rund 130 Unternehmerinnen in Hamburg
und Schleswig-Holstein im VdU organisiert. Zudem gibt es die 2001
gegründete Käte Ahlmann Stiftung, in der Kristina Tröger
ebenfalls im Vorstand ist. Diese, sagt sie, biete ein
Mentoring-Programm von der Unternehmerin zur Unternehmerin an. Die
Stiftung wurde unter anderem auch von Unternehmerinnen des VdU
gegründet. Erfolgreich unterstützen Mentorinnen die Mentees
bei allen Unternehmensfragen. Kristina Tröger: „Hamburg ist
nicht ohne Grund die Hauptstadt der Unternehmerinnen. Wir sind sehr
aktiv und ausgesprochen gut vernetzt.“
Kontakt
BPW Hamburg (Business und Professional Women Hamburg), Christiane Clobes, E-Mail
info@bpw-hh.de
EWMD (European Women’s Management Development Network), Juliane Chakrabarti, E-Mail
kontakt.hamburg@ewmd.org
FIM (Frauen im Management), Elke Holz, Telefon 5323837, E-Mail
info@fim.de
Internationaler Lyceum Club Hamburg, Gabriele Steffen, Telefon 44465992,
E-Mail
gabriele_steffen@t-online
Managerstammtisch, Claudia Ludwig, Telefon 417279, E-Mail
seminare@claudialudwig.de
VdU (Verband deutscher Unternehmerinnen), Kristina Tröger, Telefon 6039387, E-Mail
info@troeger-partner.de.
webgrrls.de, Eva Verse, Telefon 22739296, E-Mail
hamburg@werbgrrls.de
hamburger wirtschaft, Ausgabe Juni
2010