Freizeitwirtschaft
Erfolgsfaktor Spiel und Spaß
Volle Spielplätze trotz Schietwetters?
Klettern ohne Berge? Findige Hamburger Unternehmer machen es
möglich. Ob drinnen oder draußen –
Freizeitaktivitäten mit „Kick“ boomen.
Deutschlands steilste Rutsche steht in Hamburg. Neigungswinkel: 75 Grad
– von unten sieht das machbar aus. Von oben betrachtet sieht die
Sache allerdings schon anders aus. „Aber wer einmal
runtergerutscht ist, der will noch einmal“, sagt Achim Landvogt.
Er betreibt in Stellingen zusammen mit seiner Frau Brigitte
„Rabatzz!“, Hamburgs größten Indoor-Spielplatz.
Auf 3 400 Quadratmetern stehen 200 Spielelemente für
Groß und Klein. 140 000 Gäste toben, wippen und hüpfen
im Jahr durch die ehemalige Möbelhalle. Geburtstage,
Betriebsausflüge und Produktpräsentationen: Längst ist
der Spielplatz auch für Erwachsene und Unternehmen interessant.
„40 Prozent der Gäste sind Erwachsene – Tendenz
steigend“, freut sich Landvogt.
Der Ingenieur tüftelt zusammen mit Anbietern selbst neue
Spielelemente aus. Massenhersteller für die Spielgeräte, die
extrem belastbar sein müssen, gibt es in diesem Segment ohnehin
nicht. Seit August 2009 betreiben die Eheleute Landvogt neben dem
„Rabatzz!“ auch noch eine Adventure-Minigolfanlage.
Das Besondere: Im sogenannten „Schwarzlichtviertel“ werden
die Bälle unter Schwarzlicht über die Bahnen geschlagen
– eine einmalige Einrichtung in Deutschland.
Beide Geschäftsideen stammen ursprünglich aus den USA und
kommen nach und nach in Deutschland an. „Vor allem in den letzten
Jahren hat sich der Markt für Indoor-
Spielplätze in Deutschland rasant entwickelt“, sagt Andreas
Konrath, Senior Consultant bei der Wenzel Consulting AG, einem
Hamburger Beratungsunternehmen für Freizeitanlagen. Inzwischen
gibt es 350 Unternehmen in Deutschland, die ausgediente Sport-
oder Gewerbehallen zu Indoor-Spielplätzen umgebaut haben.
„Langsam ist der Markt jedoch gesättigt“, so Konrath.
Achim Landvogt, Gewinner des Hamburger Gründerpreises, ist
hingegen zuversichtlich: „Wir entwickeln immer neue Ideen und
bleiben so attraktiv.“
Auch Freizeitaktivitäten im Freien (outdoor) boomen. Das Sport-
und Hallenklettern wird in Hamburg immer populärer und ist zu
einer regelrechten Trendsportart geworden. Der Deutsche Alpenverein
eröffnete 2003 die erste Hamburger Kletterhalle und hat in
der Hansestadt seither rund 8?000 neue Mitglieder gewinnen können.
Dem Freizeittrend folgen auch andere neue Geschäftsmodelle: Mit
dem „Salon du Bloc“ hat in Hamburg 2008 ein
Kletter-Café eröffnet. Dort kann man an einer 400
Quadratmeter großen Kletterfläche ohne Seil in niedrigen
Höhen klettern, wobei Fans und Fachleute von
„bouldern“ (abgeleitet vom englischen Wort
„boulder“ für „Felsblock“) sprechen.
Im Kletterwald Hamburg können sich seit Juni 2009 große und
kleine Kletterer in Volksdorf auf sechs verschiedenen Routen durch die
Baumwipfel hangeln. Und noch in diesem Jahr können
Freizeitkletterer in Planten un Bloomen den ersten urbanen
Hochseilgarten der Stadt nutzen. „Klettern ist als Sport- und
Freizeitaktivität in den vergangenen Jahren sehr populär
geworden“, bestätigt auch Andreas Konrath.
„Hochseilgärten und Kletterparks haben von diesem Trend
stark profitiert.“
Diese Erfahrung teilt auch die Halimos AG. Das Unternehmen nutzt den
Freizeittrend Klettern und betreibt seit 2006 den Hochseilgarten
Elmshorn und seit 2008 Europas größten Hochseilgarten in
Kaltenkirchen. Das noch junge Unternehmen beschäftigt bereits
sieben Mitarbeiter und 60 freie Trainer.
Privatpersonen, die in den teilweise schwindelerregenden Höhen
über sich hinauswachsen wollen, sind an Sonntagen zwar gern
gesehene Gäste. „Unsere Kernkompetenz sind jedoch
maßgeschneiderte Trainings, Incentives und Großevents
für Unternehmen“, sagt Tobias Schoppenhauer, Vorstand der
Halimos AG. 80 Prozent der Kunden sind Unternehmen wie
beispielsweise die Hamburger Volksbank. Denn: Klettern macht nicht nur
Spaß, sondern es stärkt auch Zusammenhalt und
Teamgefühl. Zwei Personen, die in ungewohnter Höhe
füreinander verantwortlich sind, finden auch im beruflichen Alltag
besser zueinander. Auch ein klareres Führungsverhalten
lässt sich mit dem Instrument Hochseilgarten erproben.
„Einer Führungskraft, die hier nicht vorangeht, folgt kein
Kollege nach“, so Schoppenhauer. Um neben dem Spaß auch
noch für den Berufsalltag zu lernen, begleitet ein
Teamprozesstrainer die Schritte der Klettergruppen.
Durch die Idee des Hochseilgartens ist das Klettern bei vielen
Personalverantwortlichen ein beliebtes Teamentwicklungsinstrument
geworden. So gilt immer öfter: Wer einmal geklettert ist, der will
es wieder tun.
hamburger wirtschaft, Ausgabe
März 2010