Handelskammer Hamburg 2010

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Sozialunternehmertum

Gewinn ohne Gewinn

Social Business ist in der Wirtschaft noch selten. In Hamburg gibt es junge Unternehmen, die diese Nische besetzen – mit Leidenschaft und aus Überzeugung.
Die Senegalesin Yanatou rückt in Dakar Webcam und Headset zurecht und öffnet ihren Skype-Account. In ihrer Muttersprache Französisch beginnt sie mit dem Sprach­unterricht für einen deutschen Studenten. Pro Stunde bekommt sie fünf Euro – für die 37-Jährige viel Geld. Die Idee, Muttersprachler aus Entwicklungsländern über das Internet als Lehrer einzusetzen, stammt aus Hamburg. Tobias Lorenz hat vor einigen Monaten die Online-Sprachschule Glovico (Global Video Conference) gegründet. Sein Grundgedanke: „Wir überlegen immer, was wir den Menschen in Entwicklungsländern beibringen können, und nicht, was wir von ihnen lernen können.“ In diesem Fall die Sprache. Via Internet und Webcam sind Schüler und Lehrer miteinander verbunden. Damit ermöglicht Lorenz den Menschen vor Ort, ihr eigenes Geld zu verdienen. Demnächst will er auch mit deutschen Schulen zusammenarbeiten: „Warum im Französischunterricht nicht auch mal einen Muttersprachler aus dem Senegal hinzuschalten?“ Lorenz’ Ziel ist es, auch Lehrer fördern zu können, die kein Geld für einen eigenen PC haben. Dazu benötigt er Investitionen, die er natürlich zurückzahlt. Profite aber, die danach entstehen, werden nicht ausgeschüttet, sondern in soziale Projekte refinanziert. Glovico ist somit ein Social Business. Gemeint ist ein Unternehmen, dass soziale Probleme auf wirtschaftliche Art zu lösen versucht.

Social Impact Business, Social Business, Social Entrepreneurship – verschiedene Begriffe bezeichnen graduelle Abstufungen und Organisationsformen (siehe Kasten). Gemeinsam haben sie jedoch, dass ihr primäres Ziel nicht der monetäre Gewinn, sondern die Lösung gesellschaftlicher Probleme ist. Von dieser Idee ist auch Uwe Lübbermann überzeugt. Der Hamburger will zeigen, dass Wirtschaft auch anders geht – und zwar mit der von ihm gegründeten Bier- und Colamarke „Premium“. „Aber“, sagt er salopp, „wir könnten im Grunde auch Aschenbecher verkaufen.“ Es geht ihm ums Prinzip, darum, dass Wirtschaft sozial und fair sein kann: „Kapitalistische Strukturen wollen wir so steuern, dass sie für alle Beteiligten okay sind.“ Einige Prinzipien stellte er dafür auf den Kopf: Es gibt einen Anti-Mengen-Rabatt, freiwillige Preissenkungen, konsensdemokratische Abstimmungsverfahren und das Ziel, keinen Gewinn zu erzielen. Das, was Uwe Lübbermann bei Fritten und Premium-Bier erzählt, wird nicht mehr nur als naives Gutmenschentum abgestempelt: Inzwischen hält er Vorträge an Universitäten und in großen Firmen. Premium arbeitet nur mit Partnern, die den Anforderungen ökologischer und sozialer Maßstäbe entsprechen – Werte, die auch das Unternehmen Premium lebt. So geht zum Beispiel ein fester Betrag pro verkaufter Flasche in Anti-Alkohol-Kampagnen. Warum? „Statistisch gesehen haben fünf bis zehn Prozent der Bierkäufer ein Alkoholproblem“, sagt Lübbermann.

In der Wirtschaft sind solche Unternehmen derzeit noch zarte Pflänzchen. Thomas Friemel, Chefredakteur des neuen Wirtschaftsmagazins „Enorm“, glaubt aber, dass langfristig ein Umdenken stattfindet: „Den Unternehmen wird in Zukunft gar nichts anderes übrig bleiben, wenn sie am Markt bestehen wollen.“ Immer mehr Käufer, statistisch gesehen eher die gut ausgebildeten und besser verdienenden, interessieren sich für das ethische Konzept hinter der Marke. „Das erhöht den Druck auf den Markt“, so Friemel. Sein Magazin legt den Fokus inhaltlich auf den Gedanken von Social Business in all seinen Facetten: „Wirtschaft für den Menschen“, heißt es auf der Titelseite. Friemel hat dafür gemeinsam mit vier weiteren Gesellschaftern den Social Publish Verlag gegründet. Vom möglichen Profit aber bekommt er nichts. Alles fließt zurück ins Unternehmen, und 15 Prozent der Abonnement-Erlöse werden in andere Social-Business-Projekte investiert. Friemel ist stolz darauf, zu zeigen, dass dieser Weg möglich ist.

„Der Markt, dem aktuell hohe Aufmerksamkeit zuteil wird, ist momentan noch vergleichsweise klein“, sagt Dr. Markus Beckmann, Juniorprofessor für Social Entrepreneurship an der Leuphana Universität in Lüneburg. „Die Gründer solcher Unternehmen sind sowohl Berufseinsteiger als auch solche, die schon eine steile Karriere hinter sich haben.“ Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung von der Sache und eine gehörige Portion Mut.

Paul Bethke und Jacob Berndt haben es gewagt und sind von ihren festen Jobs ins kalte Wasser gesprungen. Die Idee, mit einem Produkt soziale Probleme zu überwinden, kam Bethke bei einem Entwicklungshilfeeinsatz in Sri Lanka. Bei großen Organisationen, sagt er, ginge es oft nur darum, irgendwie das Geld rauszuhauen, um anschließend wieder einen großen Etat beantragen zu können. Nach der Rückkehr aus Sri Lanka erzählte er Jacob Berndt, einem alten Freund aus Schulzeiten, von seiner Idee. Zwei Wochen später kündigte er. Heute verkaufen Bethke und Berndt Eistee und Limonade mit den Namen „Cheritea“ und „Lemonaid“. Alle Zutaten sind biologisch unbedenklich und zudem fair gehandelt. Damit unterstützen sie die Bauern in Südamerika: „Durch gerechte Handelsbeziehungen, also deutlich höhere Einkaufspreise, werden die Lebensbedingungen der Menschen dort verbessert und langfristig benachteiligende Wirtschaftsstrukturen abgebaut.“ Als Vorreiter einer Bewegung oder gar moralisches Vorbild möchten sie aber nicht gesehen werden. „Letztendlich ist Unternehmertum doch immer sozial“, sagen sie. Man müsse ja nicht zwangsläufig Brunnen in Afrika bauen. „Wenn die Tischlerei um die Ecke ihre Leute ordentlich bezahlt, dann ist das auch sozial. Ob das dann Social Business heißt oder nicht.“
Juliane Kmieciak
juliane.kmieciak@hk24.de
Telefon 36138-563

Informationen

Social Business ist ein wirtschaftliches Konzept, das auf Muhammad Yunus zurückgeht, der 2006 für seine Idee der Mikrokredit-Bank den Friedensnobelpreis bekommen hat. Definitionen und Umsetzungsformen werden derzeit in der Wissenschaft diskutiert. Alle Überlegungen eint der Gedanke, durch innovative Geschäftskonzepte primär gesellschaftliche Probleme lösen zu wollen. Social Entrepreneurship ist der Oberbegriff für unternehmerisches Denken und Handeln zum Wohle der Gesellschaft, sowohl von Profit- als auch von Non-Profit-Unternehmen. Social Business meint, dass der Unternehmenszweck ausschließlich der gesellschaftliche Lösungsansatz ist. Der Profit fließt zurück ins Unternehmen, und eine Gewinnmaximierung ist ausgeschlossen. Alle Mitarbeiter erhalten jedoch marktgerechte Gehälter. Social Impact Business wird als Zwischenform verstanden, da es eine begrenzte Verzinsung des für Projekte bereitgestelltes Kapital zulässt.

hamburger wirtschaft, Ausgabe August 2010