Sozialunternehmertum
Gewinn ohne Gewinn
Social Business ist in der Wirtschaft noch selten.
In Hamburg gibt es junge Unternehmen, die diese Nische besetzen –
mit Leidenschaft und aus Überzeugung.
Die Senegalesin Yanatou rückt in Dakar Webcam und Headset zurecht
und öffnet ihren Skype-Account. In ihrer Muttersprache
Französisch beginnt sie mit dem Sprachunterricht für
einen deutschen Studenten. Pro Stunde bekommt sie fünf Euro
– für die 37-Jährige viel Geld. Die Idee,
Muttersprachler aus Entwicklungsländern über das Internet als
Lehrer einzusetzen, stammt aus Hamburg. Tobias Lorenz hat vor einigen
Monaten die Online-Sprachschule Glovico (Global Video Conference)
gegründet. Sein Grundgedanke: „Wir überlegen immer, was
wir den Menschen in Entwicklungsländern beibringen können,
und nicht, was wir von ihnen lernen können.“ In diesem Fall
die Sprache. Via Internet und Webcam sind Schüler und Lehrer
miteinander verbunden. Damit ermöglicht Lorenz den Menschen vor
Ort, ihr eigenes Geld zu verdienen. Demnächst will er auch mit
deutschen Schulen zusammenarbeiten: „Warum im
Französischunterricht nicht auch mal einen Muttersprachler aus dem
Senegal hinzuschalten?“ Lorenz’ Ziel ist es, auch Lehrer
fördern zu können, die kein Geld für einen eigenen PC
haben. Dazu benötigt er Investitionen, die er natürlich
zurückzahlt. Profite aber, die danach entstehen, werden nicht
ausgeschüttet, sondern in soziale Projekte refinanziert. Glovico
ist somit ein Social Business. Gemeint ist ein Unternehmen, dass
soziale Probleme auf wirtschaftliche Art zu lösen versucht.
Social Impact Business, Social Business, Social Entrepreneurship
– verschiedene Begriffe bezeichnen graduelle Abstufungen und
Organisationsformen (siehe Kasten). Gemeinsam haben sie jedoch, dass
ihr primäres Ziel nicht der monetäre Gewinn, sondern die
Lösung gesellschaftlicher Probleme ist. Von dieser Idee ist auch
Uwe Lübbermann überzeugt. Der Hamburger will zeigen, dass
Wirtschaft auch anders geht – und zwar mit der von ihm
gegründeten Bier- und Colamarke „Premium“.
„Aber“, sagt er salopp, „wir könnten im Grunde
auch Aschenbecher verkaufen.“ Es geht ihm ums Prinzip, darum,
dass Wirtschaft sozial und fair sein kann: „Kapitalistische
Strukturen wollen wir so steuern, dass sie für alle Beteiligten
okay sind.“ Einige Prinzipien stellte er dafür auf den Kopf:
Es gibt einen Anti-Mengen-Rabatt, freiwillige Preissenkungen,
konsensdemokratische Abstimmungsverfahren und das Ziel, keinen Gewinn
zu erzielen. Das, was Uwe Lübbermann bei Fritten und Premium-Bier
erzählt, wird nicht mehr nur als naives Gutmenschentum
abgestempelt: Inzwischen hält er Vorträge an
Universitäten und in großen Firmen. Premium arbeitet nur mit
Partnern, die den Anforderungen ökologischer und sozialer
Maßstäbe entsprechen – Werte, die auch das Unternehmen
Premium lebt. So geht zum Beispiel ein fester Betrag pro verkaufter
Flasche in Anti-Alkohol-Kampagnen. Warum? „Statistisch gesehen
haben fünf bis zehn Prozent der Bierkäufer ein
Alkoholproblem“, sagt Lübbermann.
In der Wirtschaft sind solche Unternehmen derzeit noch zarte
Pflänzchen. Thomas Friemel, Chefredakteur des neuen
Wirtschaftsmagazins „Enorm“, glaubt aber, dass langfristig
ein Umdenken stattfindet: „Den Unternehmen wird in Zukunft gar
nichts anderes übrig bleiben, wenn sie am Markt bestehen
wollen.“ Immer mehr Käufer, statistisch gesehen eher die gut
ausgebildeten und besser verdienenden, interessieren sich für das
ethische Konzept hinter der Marke. „Das erhöht den Druck auf
den Markt“, so Friemel. Sein Magazin legt den Fokus inhaltlich
auf den Gedanken von Social Business in all seinen Facetten:
„Wirtschaft für den Menschen“, heißt es auf der
Titelseite. Friemel hat dafür gemeinsam mit vier weiteren
Gesellschaftern den Social Publish Verlag gegründet. Vom
möglichen Profit aber bekommt er nichts. Alles fließt
zurück ins Unternehmen, und 15 Prozent der Abonnement-Erlöse
werden in andere Social-Business-Projekte investiert. Friemel ist stolz
darauf, zu zeigen, dass dieser Weg möglich ist.
„Der Markt, dem aktuell hohe Aufmerksamkeit zuteil wird, ist
momentan noch vergleichsweise klein“, sagt Dr. Markus Beckmann,
Juniorprofessor für Social Entrepreneurship an der Leuphana
Universität in Lüneburg. „Die Gründer solcher
Unternehmen sind sowohl Berufseinsteiger als auch solche, die schon
eine steile Karriere hinter sich haben.“ Gemeinsam ist ihnen die
Überzeugung von der Sache und eine gehörige Portion Mut.
Paul Bethke und Jacob Berndt haben es gewagt und sind von ihren festen
Jobs ins kalte Wasser gesprungen. Die Idee, mit einem Produkt soziale
Probleme zu überwinden, kam Bethke bei einem
Entwicklungshilfeeinsatz in Sri Lanka. Bei großen Organisationen,
sagt er, ginge es oft nur darum, irgendwie das Geld rauszuhauen, um
anschließend wieder einen großen Etat beantragen zu
können. Nach der Rückkehr aus Sri Lanka erzählte er
Jacob Berndt, einem alten Freund aus Schulzeiten, von seiner Idee. Zwei
Wochen später kündigte er. Heute verkaufen Bethke und Berndt
Eistee und Limonade mit den Namen „Cheritea“ und
„Lemonaid“. Alle Zutaten sind biologisch unbedenklich und
zudem fair gehandelt. Damit unterstützen sie die Bauern in
Südamerika: „Durch gerechte Handelsbeziehungen, also
deutlich höhere Einkaufspreise, werden die Lebensbedingungen der
Menschen dort verbessert und langfristig benachteiligende
Wirtschaftsstrukturen abgebaut.“ Als Vorreiter einer Bewegung
oder gar moralisches Vorbild möchten sie aber nicht gesehen
werden. „Letztendlich ist Unternehmertum doch immer
sozial“, sagen sie. Man müsse ja nicht zwangsläufig
Brunnen in Afrika bauen. „Wenn die Tischlerei um die Ecke ihre
Leute ordentlich bezahlt, dann ist das auch sozial. Ob das dann Social
Business heißt oder nicht.“
Informationen
Social Business ist ein wirtschaftliches Konzept, das auf Muhammad
Yunus zurückgeht, der 2006 für seine Idee der
Mikrokredit-Bank den Friedensnobelpreis bekommen hat. Definitionen und
Umsetzungsformen werden derzeit in der Wissenschaft diskutiert. Alle
Überlegungen eint der Gedanke, durch innovative
Geschäftskonzepte primär gesellschaftliche Probleme
lösen zu wollen. Social Entrepreneurship ist der Oberbegriff
für unternehmerisches Denken und Handeln zum Wohle der
Gesellschaft, sowohl von Profit- als auch von Non-Profit-Unternehmen.
Social Business meint, dass der Unternehmenszweck ausschließlich
der gesellschaftliche Lösungsansatz ist. Der Profit fließt
zurück ins Unternehmen, und eine Gewinnmaximierung ist
ausgeschlossen. Alle Mitarbeiter erhalten jedoch marktgerechte
Gehälter. Social Impact Business wird als Zwischenform verstanden,
da es eine begrenzte Verzinsung des für Projekte bereitgestelltes
Kapital zulässt.
hamburger wirtschaft, Ausgabe August
2010