Firmengeschichte
History Marketing als Geschäftsidee
Unternehmen planen ein Jubiläum, eine
Festschrift oder eine Ausstellung oder überlegen, ein Firmenarchiv
aufzubauen – Dienstleister können dabei helfen.
Mehr und mehr Unternehmen entdecken Geschichte als
Identitäts- und Marketingfaktor. Bewusst gelebte Geschichte,
anhaltender Erfolg in einer Sparte oder mit einem Produkt
begründen Tradition und Identität einer Firma. Tradition
schafft Vertrauen bei den Kunden, aber auch bei den eigenen
Mitarbeitern. Andere Unternehmen sparen durch historische Recherchen
Kosten ein oder lösen Rechtsunsicherheiten, etwa bei
Patentstreitigkeiten, mit Dokumenten aus dem eigenen Firmenarchiv.
Zudem bietet die Geschichte des Unternehmens oder einzelner Marken
vielfältige Gelegenheiten, an die Öffentlichkeit zu treten
und Werbung für den eigenen Betrieb zu machen. Seit den
1990er-Jahren verstehen immer mehr Firmen Geschichtsmarketing als
wichtigen Zweig der Öffentlichkeitsarbeit. Doch oft stoßen
die Unternehmen an ihre Grenzen, wenn sie versuchen, die Aufarbeitung
und Aufbereitung der eigenen Geschichte selbst zu übernehmen. Ihre
Mitarbeiter sind Spezialisten für das Alltagsgeschäft, sei es
nun Groß- und Außenhandel, Logistik, Schiffsbau oder die
Herstellung chemischer, pharmazeutischer oder kosmetischer Produkte. So
hat sich parallel zur wachsenden Bedeutung der Unternehmensgeschichte
als Marketingfaktor eine eigene Dienstleistungssparte herausgebildet:
Spezialisten, die den Firmen beim „History Marketing“ unter
die Arme greifen können – Historiker und andere
Geisteswissenschaftler.
Einer der Ersten, der die sich aus dem wachsenden Bedürfnis der
Firmen nach historischer Positionierung auftuende Marktlücke
für sich entdeckte, war Sven Tode. Heute ist er mit dem 1998
gegründeten Institut für Firmen- und Wirtschaftsgeschichte
(ifw) sehr erfolgreich und fest im Markt etabliert. Die
Spezialität seines Instituts sind vor allem Publikationen wie
Jubiläumsschriften und Bücher zur Markengeschichte von
Unternehmen. Hierbei zeichnet das ifw aus, dass es komplette
Kommunikationskonzepte liefert, die sich an den allgemeinen
Marketingstrategien der jeweiligen Betriebe orientieren. Doch auch
andere sind in ähnlichen Bereichen tätig: Die beiden
Historikerinnen Claudia Thorn und Sybille Baumbach zum Beispiel
recherchieren zwar auch schon mal für Michael Batz, der den
jährlich in der Speicherstadt aufgeführten „Hamburger
Jedermann“ geschrieben hat, vor allem aber unterstützen sie
Firmen, Vereine und Privatpersonen bei der Ordnung und Archivierung
ihrer Unterlagen.
Teils in Zusammenarbeit mit öffentlichen Instituten wie dem
Staatsarchiv, erfassen Thorn und Baumbach die Unterlagen in einer
Datenbank und erstellen ein Verzeichnis. Oft dient dieser Archivaufbau
zur Vorbereitung auf Jubiläumsschriften oder kleinere
Firmendarstellungen, zum Beispiel in Broschüren. Als
Zwei-Frau-Unternehmen kann sich ihre Firma, die sie Dokusearch genannt
haben, besonders flexibel auf Kundenwünsche einstellen.
Ein Gesamtleistungspaket bietet den Unternehmen Geschichtswerk eG an.
Dieser Zusammenschluss von inzwischen 27 Historikern aus Hamburg,
Berlin, Bremen, Kiel und Köln hat sich zudem eine interessante
Organisationsform gewählt, handelt es sich doch um eine
Genossenschaft. Die große Mitgliederzahl bedeutet auch ein
breites Spektrum an Angeboten: Von der Texterstellung und der
wissenschaftlichen Beratung über den Archivaufbau bis hin zu
Ausstellungen. Gerade letztere gehören neben den Darstellungen zur
Unternehmensgeschichte zu den gefragtesten Produkten aus dem Angebot
der Genossenschaft. Außerdem fühlt sich Geschichtswerk der
eigenen Gesellschaftsform besonders verbunden und engagiert sich stark
im Bereich der Genossenschaftsgeschichte.
All diese Angebote sind interessant für Unternehmen, denen es im
Wesentlichen um die Aufarbeitung und Darstellung der eigenen
Firmengeschichte oder um Recherchen zur Klärung von Rechtsfragen
geht. Oft stehen Firmen jedoch vor dem Problem, wie die eigene
schriftliche Überlieferung für die Ewigkeit bewahrt werden
kann, die letztlich die Grundlage für diese Aufarbeitung und
Darstellung bildet. Nicht jeder Betrieb kann oder will sich ein eigenes
Firmenarchiv leisten, sei es nun durch eigene Mitarbeiter betreut oder
durch Dienstleister geordnet. Oft fehlt auch der Raum dafür, die
alten Unterlagen sicher zu lagern. Die externen Dienstleister
würden das Archiv zwar ordnen, bieten aber keinen Lagerraum, das
Platzproblem bliebe ungelöst.
Seit Anfang 2008 gibt es in Hamburg eine Einrichtung, die den
Unternehmen eine Lösung für dieses Problem anbietet: Die
Handelskammer möchte dafür sorgen, dass möglichst viel
schriftliche Dokumentation zur Wirtschafsgeschichte Hamburgs erhalten
bleibt und gesichert wird. Deshalb hat sie mit der gemeinnützigen
Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv ein regionales Archiv
gegründet. Dieses bietet Betrieben, die kein eigenes Archiv
unterhalten, an, deren Unterlagen aufzubewahren und zu sichern. Die
schriftlichen Überlieferungen werden vom Wirtschaftsarchiv
geordnet, verzeichnet und für die Ewigkeit bewahrt.
Das Archiv ist aber auch eine Forschungseinrichtung: In Absprache mit
den Unternehmen macht es die Unterlagen für die Wissenschaft
zugänglich und sorgt dadurch für bessere Kenntnis der
wirtschaftsgeschichtlichen Wurzeln des Standortes Hamburg.
hamburger wirtschaft, Ausgabe April
2010